Presseagenten-Arbeit anno 1921

Über die Anfänge unseres Berufsstandes erfährt man gelegentlich außerhalb des Üblichen beim zufälligen Lesen hübsche Details. Dazu gleich mehr. Zunächst dieses: Wem Leo Slezak, der ein begnadeter Tenor war, noch ein Begriff ist, der hat womöglich auch dessen "literarisches Werk" vor Augen. Sein erstes Werk, von Freunden dazu ermuntert oder besser überredet, nannte er scherzhaft "Meine sämtlichen Werke". Das sollte es gewesen sein. Kein zweites mehr! "Es sind meine sämtlichen Werke". Er ließ diesem Buch ungeachtet seines Versprechens später zwei weitere folgen, denen er ironisch die Titel "Der Wortbruch" und "Der Rückfall" gab. Entschuldigungsrituale der feinsinnigsten Art!

In "Meine sämtliche Werke" (rororo Taschenbuchausgabe 1960) schildert Slezak (S. 26 ff.) die Arbeit der Presseagenten, die seine Tourneen in Amerika begleiteten. Das Buch wurde 1921 beendet. Wir haben es also mit Umständen in der Zeit davor zu tun. Ein frühes Zeugnis aus den Anfangsjahren unseres Berufsstandes und der PR. Und eines, welches sogar mit Vergnügen zu lesen ist:

Pressearbeit! — Reklame!

In Amerika ist es Grundregel, daß von allem, sei es was immer, gesprochen werden muß. Gut oder schlecht, es ist gleichgültig, nur reden müssen die Leute davon. Die ungeheure Größe dieses Landes und das, bis auf einige wenige Ausnahmen, wenig gepflegte Kunstinteresse zwingen den Künstler, eine Reklame zu entfalten, die ihm anfangs widerstrebt, die aber nicht zu umgehen ist. Gar für einen, der an erster Stelle steht und der an erster Stelle verdienen will.

Amerika ist ein schnellebiges Land, die größte Sensation von heute morgen ist am Abend schon vergessen. Alle spielt sich in solch gigantischen Formen ab, daß man, um überhaupt bemerkt zu werden, womöglich noch lauter schreien muß als alle anderen. Da heißt es nun, sich immer und immer wieder in Erinnerung bringen, von sich reden machen, ohne rigorose Wahl der Mittel. Man hält sich zu diesem Zweck einen Presseagenten.

Dieser ist ein bei allen Blättern eingeführter Reporter, der den ganzen Betrieb, vor allem aber den Geschmack seines Publikums kennt, und das Allerwichtigste ist, daß das, was er schreibt — auch gedruckt wird. Seine Hauptaufgabe ist es, jede Woche irgendeine Geschichte zu erfinden, die, wenn sie auch noch so trottelhaft ist, durch die Blätter der Vereinigten Staaten geschleift werden soll. Je nach der geistigen Beschaffenheit seiner Presseagenten liest man in den Blättern Sachen über sich, die einem mehr oder weniger die Schamröte ins Gesicht treiben.

Allerdings, wenn ein Jahr lang drüben gewesen ist, härtet man sich gegen so manches ab. Bei diesen Geschichten muß man sein Augenmerk darauf richten, daß darin ja nichts von Kunst gesprochen wird. Das liest nämlich kein Mensch. Das Wichtigste ist die "Headline"! Die Überschrift!
Dise "Headline" muß nicht nur einen Extrakt des Inhalts bilden, sie muß auch neugierig machen, denn achtzig Prozent der Amerikaner lesen nur die Headlines. — Aus denselben erfahren sie alles Wissenswerte, und nur wenn sie einen Witz oder sonst etwas Interessantes erhoffen, lesen sie den Text.

Soweit dieser kurze Auszug.

© Manfred Piwinger

Veröffentlicht in: PR-Journal-Newsletter Nr. 78, 29. August 2006, S. 9–10.