Der Umgang mit Gerüchten im Unternehmensumfeld — ausgewählte Praxiserfahrungen1

Von Manfred Piwinger

1 Einleitung

In der Alltags- wie auch in der Unternehmenskommunikation spielt das Gerücht als Form der Mitteilung ungesicherter Information eine wichtige Rolle. "Das Gerücht ist überall, in welchen gesellschaftlichen Lebenssphären wir uns auch bewegen." (Kapferer 1997: 10) Gerüchte werden geliebt, weil sie neben der unautorisiert verbreiteten Nachricht Neugier erzeugen und auch einen hohen Unterhaltungswert besitzen. Sie sind wesentlich aktuell und besitzen einen Wert, sonst würde man sich nicht mit ihnen beschäftigen. Ohne Gerüchte wäre unser Leben ärmer. Sie begleiten unseren Alltag und werden durch ihre Nähe zu Klatsch & Tratsch auch lustvoll weitererzählt. Erstaunlicherweise — oder vielleicht auch nicht — ist im alltäglichen Leben der Umgang mit Gerüchten weitaus unverkrampfter als im professionellen Bereich der Kommunikation. Die Rolle von Gerüchten in kommunikativen Prozessen ist bis dato nicht Bestandteil genuiner Kommunikationslehre. Damit stehen die Kommunikationswissenschaften bei weitem nicht alleine. Auch in der Praxis der Pressestellen und Stellen für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikationsmanagement in Unternehmen, Behörden oder öffentlichen Einrichtungen ist das Gerücht eher ein verkanntes Etwas und wird im Sinne eines aktiv einzusetzenden Mediums nicht hinreichend beachtet. Unter Umständen deswegen, weil man es für "unseriös" hält.

Um es vorweg zu sagen: Gerüchte sind eine höchst ökonomische Form der Kommunikation und sollten schon deswegen nicht als "Teufelszeug" angesehen werden. Mit keinem anderen Medium ist eine schnellere Verbreitung von Nachrichten möglich. Außerdem ist es ausgesprochen günstig, denn der zu betreibende Aufwand tendiert gegen Null. Einmal ausgestreut, verbreitet sich das Gerücht in Windeseile und ohne weiteres Zutun des Betreibers. Es ist dann nicht mehr zu stoppen. Die typische Verbreitungsform des Gerüchts ist das Mündliche — häufig auch mit dem Begriff "Mundpropaganda" (im Englischen: "The mouth is the gate of trouble.") umschrieben. Wie jede mündliche Verbreitung von Informationen unterliegt es immer sofort der Interpretation und der Transformation. Wirtschaftlich gibt es zu dem Medium "Gerücht" keine vernünftige Alternative. Es ist aber nicht die zeitliche Dimension allein, die das Gerücht von anderen kommunikativen Vermittlungsprozessen unterscheidet. Viel werthaltiger ist: Gerüchte werden im allgemeinen geglaubt; ihr Wahrheitsgehalt wird nicht hinterfragt. Von welcher Unternehmensnachricht lässt sich das schon sagen? Die hohe Glaubwürdigkeit ist neben ihrer schnellen Verbreitung ein weiteres "Asset". Der Haken ist bloß, dass sich ein Gerücht zur gezielten Verbreitung einer Nachricht, und wenn man sich davon einen Nutzen erhofft, innerhalb und außerhalb eines Unternehmens nur in wenigen Fällen eignet.

Der "typische Fall" ist eher der, dass Unternehmen bzw. Personen in Unternehmen von Gerüchten betroffen werden und überlegen müssen, wie sie mit der dadurch geschaffenen Situation überlegt umgehen können. Es geht um Schadensabwehr oder Schadensbegrenzung. Oft wirft man Unternehmen eine verspätete Reaktion vor, ohne sich zu vergegenwärtigen, dass man als Betroffener meist erst der Letzte ist, der überhaupt von dem Gerücht Kenntnis erlangt und meist erst dann, "wenn schon alle Welt davon spricht". Dies schränkt die ohnehin begrenzten Reaktionsmöglichkeiten in der Regel noch zusätzlich ein. Im allgemeinen werden Gerüchte zu stark unter negativen Aspekten gesehen — quasi als eine Bestätigung für etwas, das man befürchtet bzw. das einer unterschwelligen Sorge entspricht. Dabei wird leicht übersehen, dass das Medium "Gerücht" ebenso ein viel versprechender Hoffnungsträger sein kann. Sei es, dass es die Aussicht auf ein rettendes Medikament verbreitet oder für die Belegschaft eines in finanziellen Schwierigkeiten steckenden Unternehmens die Hoffnung auf die Rettung ihrer Arbeitsplätze durch einen neuen Investor verspricht. Gerüchte werden auch gestreut, um z. B. Börsenkurse zu manipulieren oder die Belegschaft auf Entlassungen vorzubereiten. Letztlich sind auch die "Erlkönige" der Automobilhersteller Gerüchte über ein neues Modell.

Worum es im wesentlichen geht, hat Francis Bacon (1561 bis 1626) bereits zu einer Zeit beschrieben, als von Gerüchteforschung längst noch nicht die Rede war. An Aktualität sind seine Fragestellungen kaum zu übertreffen, wenn er u.a. festhält: "Wir wollen (deshalb) von folgenden Fragen sprechen: Was sind falsche, was wahre Gerüchte, und wie sind sie am besten zu unterscheiden? Wie kann man Gerüchte ausstreuen und in Umlauf setzen? Wie sie verbreiten und vervielfältigen? Wie ihnen Einhalt tun und sie ersticken, nebst anderem Wesentlichen über das Gerücht."2

In diesem Beitrag wollen wir uns hauptsächlich mit der Frage auseinandersetzen, in welchen Situationen der Unternehmenskommunikation Gerüchte eine Rolle spielen, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit ein Gerücht zum Gerücht wird und über welche Möglichkeiten man als Betroffener verfügt, damit professionell umzugehen, als uns schließlich auch mit der Frage des Dementis beschäftigen.

2 Was sind Gerüchte?

Unsere Umgangssprache hält eine Fülle von Metaphern bereit, die das Gerücht zum Gegenstand haben: "Gerüchte verbreiten sich wie ein Lauffeuer" oder "Gerüchte haben schnelle Beine", aber auch: "Man soll Gerüchten keinen Glauben schenken". Wie zu sehr vielen kommunikativen Prozessen hält die Alltagssprache eine Fülle zutreffender Beschreibungen bereit, die wissenschaftlichen Nachprüfungen in der Regel durchaus standhalten. Nimmt man einmal den Satz "Man soll Gerüchten keinen Glauben schenken", so wird damit glatt das Gegenteil unterstellt, weil nämlich richtigerweise von der Annahme ausgegangen wird, dass Gerüchte geglaubt werden.

2.1 Struktur

Als Erstes ist die Struktur von Gerüchten im Sinne einer Modellbildung zu hinterfragen. Die Triade bietet sich hierzu an:

Abbildung: Betroffener — Initiator — Publikum
Abbildung 1: Die Gerüchte-Triade

Auslöser / Initiator: Bleibt in der Regel anonym; hat ein Interesse daran, eine bestimmte Information öffentlich zu machen.

Publikum: Greift das Gerücht auf und erzählt es "verschwörerisch", oft lustvoll, weiter

Betroffener: Wird in der Regel davon überrascht, reagiert oft verärgert und ungehalten und bringt sich hierdurch noch stärker in die Bredouille und in Erklärungsnot.

2.2 Lebenszyklus

Schaut man auf den Phasenverlauf eines Gerüchts, so wird der kurze Lebenszyklus deutlich. Natürlich gibt es immer Vorläufer — Geraune, Gemunkel, Mutmaßungen, Informationsdefizite, Erwartungen und Befürchtungen. Jede Bemerkung, jeder Halbsatz werden begierig aufgeschnappt. Dies könnte man als die Inkubationsphase bezeichnen. Sobald auf diesem Humus das Gerücht gewachsen ist, verbreitet es sich schneller als jede professionelle Nachrichtengebung. In dieser Phase ist die Aufmerksamkeit und das öffentliche Interesse am stärksten, so dass sich das Gerücht quasi selbstreferentiell ständig erneuert. Was man erfährt oder glaubt gehört zu haben, erfährt sofort auf der Basis des Vorwissens eine Bewertung. Durch die Nacherzählung wird es mit immer neuen Details angereichert und so zu einer spannenden "Story" und bindet das öffentliche Interesse. Das Weitererzählen wird "belohnt". Denn jede Person, die etwas Neues und den Anderen Interessierendes zu erzählen hat, bekommt als "Bezahlung" dessen Anerkennung. Das Gehörte wird für bare Münze genommen. Doch ein Gerücht ist schnelllebig. Es hält sich nur kurze Zeit und muss dann anderen wichtigen Gerüchten auf dem Marktplatz des Geklatsches und Getratschtes Platz machen. Hat es erst einmal seinen Kulminationspunkt erreicht, sackt es in sich zusammen wie ein aufgeblasene Gummipuppe, in die man eine Nadel sticht. Wenn das eingetreten ist, wovor das Gerücht warnt, dann haben sich auch die Umstände verändert, in denen das Gerücht wirken konnte. Es ist damit nicht länger wirksam und wir nicht weitergegeben. (vgl. Kapferer 1997: 131f) In diesem Moment erleidet das Gerücht einen Werteverzehr.

Abbildung: aufsteigende Aufmerksamkeit — Kulminationspunkt — Interesse verflacht
Abbildung 2: Verlaufsform des Gerüchtes

Doch bis dahin ist es für betroffene Unternehmen ratsam, sich in Zurückhaltung zu üben. Jede Reaktion würde in dieser Situation das umlaufende Gerücht nur mit neuer Nahrung versorgen und seinen Lebenszyklus unnötig verlängern. Die genaue Beobachtung des Phasenverlaufs ist darum elementare Voraussetzung, will man professionell mit oder gegen ein Gerücht kommunizieren. Die schnell abfallende Linie der Kurve deutet zugleich auf ein Nachlassen des Interesses hin. Dann hat man entweder die Chance, eine Gerücht "verhungern" zu lassen, ihm eine andere (gewünschte) Bedeutung zu verschaffen oder die Öffentlichkeit mit neuem Gesprächsstoff zu versorgen. Es bedarf guter Nerven und einfühlsamer Menschen auf der Entscheidungsebene, um ein Gerücht "zu managen". In der Praxis sieht es oft ganz anders aus.

Jedes Gerücht hat eine Inkubationszeit

Jedes Gerücht hat eine Inkubationszeit. Schaut man sich die Entstehungsgeschichte eines Gerüchtes an, so findet man relativ oft eine mangelnde Informationsbereitschaft der Unternehmen als Ursache vor. Wo Nachrichten fehlen, wächst das Gerücht. Wer z. B. das berechtigte Informationsinteresse einer Betriebsbelegschaft in einer kritischen finanziellen Lage ihres Unternehmens ignoriert, öffnet breiten Raum für Spekulationen aller Art. Bergler spricht (zwar in einem anderen Zusammenhang) von "Räumen des Nichtwissens", die Raum für alle möglichen Spekulationen bieten. Es wird vermutet, sich zusammengereimt, hineingedichtet, spekuliert und Gehörtes zurechtgebogen, das Schlimmste erwartet und über persönliche Konsequenzen nachgedacht. Aus diesem "Gebräu" bilden sich Gerüchte, die somit auf die allgemeine Stimmungslage reagieren und auf sie aufsetzen. Der voreingenommene Mensch wird fast immer behaupten, dass er genügend Beweise für seine Ansichten hat. Aus Sicht eines Unternehmens kommt es darauf an, frühzeitig Signale zu deuten, die als Vorläufer von Gerüchten gewertet werden können. Die Stimmungslage ist ein solches Signal.

2.3 Merkmale

a) Einem On-dit zufolge …

Je weiter sich ein Gerücht von seinem Ursprung entfernt, desto mehr wird hineingedichtet. Zugleich wird es gewissermaßen anonymisiert. Der Absender bleibt unentdeckt und hat ein großes Interesse daran, es auch danach zu bleiben. Der Gerüchteerzähler beruft sich auf niemanden Bestimmtes, sondern "auf alle". Doch wer sind "alle", wer "jedermann"? Wie in Gottesnamen soll man den Urheber herausfinden, wenn sich jemand auf ein "On-dit" bezieht, er fragt: "Haben sie schon gehört, dass …?" oder beiläufig den Satz fallen lässt: "Darüber wird jetzt überall gesprochen." Klatsch & Tratsch sind die kleine Münze des Gerüchts, zugleich aber auch immer ihr Bestandteil. Man kann ein Gerücht auch als eine besondere Form der Klatscherzählung bezeichnen. Doch während im Klatsch immer "über" Jemanden (und in dessen Abwesenheit) gesprochen wird, wird in der Gerüchteerzählung immer "von" etwas oder von Jemanden gesprochen. Das macht den kleinen Unterschied aus.

b) Die "Autorität" des Gerüchteerzählers.

Mit Autorität verbindet sich Respekt, Anerkennung und vielfach Achtung. Insofern beeinflusst die "Quelle" im Kommunikationsgeschehen unsere Wahrnehmung in hohem Maße. Es kommt nämlich nicht allein auf das an, was gesagt wird. Für die Glaubwürdigkeit einer Nachricht ist es ganz entscheidend, was von wem wozu gesagt wird. Die Wirkung ist für jeden leicht nachvollziehbar: Die ein und dieselbe Information kann bei dem einen "als Gequatsche", bei einem anderen jedoch als "bedeutsam" und mit einem hohen Wahrheitsgehalt versehen ausgelegt werden. Auch wenn wir uns wie hier mit der Gerüchteforschung befassen, stoßen wir immer wieder auf dieses Phänomen der Autorität. Im Gerüchteprozess verdoppelt es sich jedoch in seiner Wirkung. Denn neben der generellen Glaubwürdigkeit, die einem Gerücht zugeschrieben wird, wirkt die Autorität des Erzählers wie eine zusätzliche Bestätigung: "Wenn der das sagt, dann muss es doch stimmen!" Ist es nicht so? Wir haben demnach, besonders wenn wir ein Interesse daran haben, ein Gerücht zu lancieren, immer darauf zu achten, dass wir einige Leute mit hoher Autorität finden, die in der Inkubationsphase der Nachricht Autorität und Glaubwürdigkeit vermitteln.

Autorität ist nicht unbedingt an Hierarchie gebunden, sondern es gibt überall und in allen Schichten Personen, deren Wort Gewicht hat. Autorität, und darunter kann auf Unternehmen bezogen auch Image, Größe, Reputation, das Ansehen insgesamt verstanden werden, hat einerseits eine Schutzfunktion, kann andererseits aber auch Gerüchte begünstigen. "Je mehr das Gerücht […] mit dem öffentlichen Image der betreffenden Person (oder des Unternehmens. d. Autor) übereinstimmt, desto glaubwürdiger wirkt es." (Kapferer 1997: 339) Das bedeutet: An manchen Unternehmen und Persönlichkeiten prallen Gerüchte ab wie Regentropfen von einem imprägnierten Tuch, wohingegen andere Unternehmen oder Personen Gerüchte geradezu magisch anziehen und jedenfalls in hohem Maße anfällig dafür sind. Immer dann nämlich, wenn der Ruf ohnedies schon ruiniert ist und die Öffentlichkeit ein schlechtes Bild von dem Betreffenden hat. Jedenfalls kann man festhalten: Wer kein oder ein schlechtes Image hat, wird leichter als andere zur Zielscheibe von Gerüchten, weil diesen nichts entgegensteht, woran sie gemessen und beurteilt werden können.

c) Gerüchte haben den Hauch von Exklusivität.

Gerüchte täuschen bei dem Erzähler einen Wissensvorsprung vor: "Ich weiß etwas, was du nicht weißt …". Indem er den Nächsten mit in die Sache "einweiht", macht er ihn sozusagen zu seinem Verbündeten und versetzt ihn seinerseits in die Lage, sein "Exklusivwissen" an andere weiterzugeben. Für jeden Weiterzähler stellt dies eine Win-win-Situation dar. Er erfährt im Gespräch eine Wertschätzung, weil er es war, von dem die Nachricht (das Gerücht) stammt. Das setzt sich von einem zu anderen fort und ist eine wesentliche Ursache dafür, dass Gerüchte sich so schnell verbreiten und "unter das Volk gebracht" werden können. Wirksam für die Glaubwürdigkeit eines Gerüchts in der Öffentlichkeit ist es, wenn sich der Erzähler auf einer "vertrauenswürdige" oder "gut informierte" Quelle beruft.

d) Nicht alles ist ein Gerücht, das diesen Namen trägt.

Nicht alles ist ein Gerücht, das diesen Namen trägt. Gewitzte Leute verstehen es nur allzu gut, unliebsame Nachrichten als "Gerücht" zu deklarieren. Obwohl solchen Nachrichten die typischen Merkmale eines Gerüchts fehlen, erzielen sie in der Regel doch dieselbe Wirkung: "Mitteilungen, die man ausdrücklich als Gerücht deklariert, werden leichter, d. h. ohne kritische Sichtung aufgenommen." (Schuh 2001: 58) Zugleich bildet sich ein merkwürdiger Umstand heraus: Einerseits ist der Urheber verhältnismäßig leicht ausfindig zu machen. Andererseits gilt die Quelle, nämlich das angebliche Gerücht, als ungesichert. Im Zweifelsfall kann die Verantwortlichkeit bestritten werden, da man sich auf Dritte und das Gehörte beruft. Typisch sind solche Verhaltensweisen, die man auch als "Umlabeling" bezeichnen kann, vor allem in wettbewerbsintensiven Märkten, um der unliebsamen Konkurrenz "eins drauf geben zu können". Sehr viele dieser Gerüchte sind bewusste Falschinformationen.

e) Ein Gerücht lässt sich nur schwer kontrollieren.

Gerüchte erzeugen Spannung, Irritation und Stress. Ob im Privatleben oder im Betrieb — ihr Nährboden ist immer der gleiche: Grundsätzlich geht es um Informationen, die für uns von großer Bedeutung sind, die unsere Sorgen und Zukunftsängste — manchmal auch unsere Hoffnungen — betreffen. Vor allem aber: Es gibt von offiziellen Stellen keine glaubwürdige Bestätigung oder Widerlegung des Gerüchts. Häufig verweisen Gerüchte auf ein Vorurteil. Die Situation der Mehrdeutigkeit und die Relevanz der übermittelten Information sorgen zusammen genommen dafür, dass sich ein Gerücht "wie ein Lauffeuer" verbreitet. Gerüchte haben für die Leute einen sehr hohen Wahrheitsgehalt. "Man prüft sie selten und denkt nicht viel darüber nach, sondern man fühlt und bestätigt und verteidigt sie", schreibt Gordon W. Allport (dt. 1971: 38). Man glaubt, was man hört, weil man es glauben will. In einer Phase des Nicht- oder Nichtgenauwissens wird jedes Wort für bare Münze genommen. Weil man gespannt ist, wie die Sache letztlich ausgeht, hält man seine Ohren offen, und sobald nur das Geringste durch den Raum schwirrt, wird es begierig aufgesogen wie Wasser von einem ausgetrocknetem Schwamm. Gleichzeitig werden die Leute von dem unwiderstehlichen Drang getrieben, das Gehörte auf dem schnellsten Wege weiterzuerzählen. Das liegt in der Natur des Menschen. Geleitet wird die Beurteilung von den eigenen, persönlichen Wertbegriffen als der allerwichtigsten Kategorie.

f) Ein Gerücht ist nicht gerichtsfähig.

"Gerichte können keine Gerücht zum Schweigen bringen."3 Ein Gerücht ist nicht gerichtsfähig. So gut wie nie lässt es sich bis zum seinem Ursprung zurückverfolgen. Und bei Ermittlungen "gegen Unbekannt" weiß man ziemlich genau, wie diese ausgehen. Nämlich wie das Hornberger Schießen. Das Verfahren wird nach allen Erfahrungen eingestellt, bringt also dem Klagenden nichts.

Vergegenwärtigen wir uns, dass Gerüchte Stimmungen erzeugen, die in einem entsprechenden Umfeld zu Meinungsurteilen führen und somit Wirklichkeit gestalten. Hierin ist eine der wesentlichen Bedeutungen des Gerüchts zu sehen. Denn anders als andere Formen diskriminierender Kommunikation wie Klatsch & Tratsch verfestigen sich die durch Gerüchte verbreiteten Anschuldigungen, Behauptungen sowie andere ungesicherte Informationen in der Regel in breiten Kreisen. Gegen ein Gerücht vorzugehen — wie immer auch — oder zu versuchen, es zu widerlegen, ist bisher kaum jemanden gelungen. Wer erst einmal durch ein Gerücht verdächtigt wird, Aids zu haben, dem wird selbst die Vorlage einer von mehreren Ärzten attestierten robusten Gesundheit nicht viel helfen. Das ist ja das Fatale an einem Gerücht: Etwas bleibt immer hängen, ohne dass man wirklich eine Chance hat, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Gerüchte sind nicht grundsätzlich bzw. notwendig falsch, obwohl es unter Umständen möglich ist, sie zu untersuchen und in Kategorien nach "wahren" und "falschen" Gerüchten einzuteilen. Dennoch ist es nicht möglich, Gerüchte aussagelogisch zu definieren. (Vgl. Neubauer 1998: 14)

3 Wie entstehen Gerüchte?

Aus bloßem Zufall entsteht ein Gerücht in den seltensten Fällen (z. B. wenn Jemand eine unbedachte Äußerung macht). "Ereignisse sind nicht einfach da und geschehen", schreibt Max Weber, "sondern sie haben eine Bedeutung und geschehen wegen dieser Bedeutung."4) Im allgemeinen steckt hinter jedem Gerücht immer ein klares Ziel. Es kann sowohl Ereignisse als auch Personen zum Gegenstand haben. Die Motive können gleichwohl ganz unterschiedlicher Art sein, lassen sich aber auf ein paar Grundmotive zurückführen. Damit ein Gerücht zum Gerücht wird, bedarf es einiger wichtiger Voraussetzungen. Von alleine läuft nichts. Nicht jede Nachricht oder Information ist "gerüchtsfähig", um es einmal so zu sagen.

Was sind diese Voraussetzungen?

  1. Gerüchte entstehen häufig in kritischen Zeiten. Sie sind in der Regel spekulativ.
  2. Gerüchte reagieren auf die Stimmungslage. Wer die Welt durch die rosarote Brille sieht, ist wenig anfällig für Gerüchte. Ist dagegen die Stimmung mies oder auf einem Tiefpunkt, ist Gerüchten Tür und Tor geöffnet. Für die Wahrnehmung ist es wichtig, in welcher Stimmung wir gerade sind
  3. Ein Gerücht darf keinen identifizierbaren Absender haben. Wird jener manifest, stirbt das Gerücht.

Die Entstehung eines Gerüchts setzt weiter voraus:

  1. Ein großes (möglichst persönliches) Interesse an der durch das Gerücht verbreiteten Information.
  2. Es müssen Viele daran interessiert sein. Gerüchte brauchen einen Resonanzboden.
  3. Vorbekanntheit der Person, der Sache oder der Umstände, um die es sich handelt.
  4. Das Fehlen offizieller Stellungnahmen. Es öffnet Raum für Spekulationen
  5. Die Neugierde, etwas Intimes oder Neues aus seinem Umfeld zu erfahren.
  6. Jemanden, der das Gerücht in Umlauf bringt, ob wissentlich oder versehentlich.
  7. Bestehende echte Rivalitäten und Konflikte.

Großes Gerüchtepotential haben Informationen, die vor etwas warnen oder etwas vorhersagen, was meist auf negative Folgen hinweist. "In all diesen Fällen verbreitet sich das Gerücht, denn es würde eine konkrete oder symbolische Gefahr bedeuten, wenn die Nachricht unbekannt bliebe, mag diese nun wahr oder falsch sein." (Kapferer 1997: 65)

Stroebe (2001: 62f) macht die Möglichkeit zur Gerüchtebildung an sechs psychologischen Mechanismen fest: Kondensation (die Nachricht wird verkürzt, es kommt zu Analogiebildungen, die nicht richtig sein müssen), Ergänzung (früher Gehörtes tritt zur neuen Information hinzu), Erwartungen (allgemeine Stimmungen fließen ein, vor allem negative), Erinnerungen (an ein folgenschweres Ereignis in der näheren Vergangenheit), Vorurteile (vorhandene Antipathien werden scheinbar untermauert) und individuelle Assoziationen (die eigene Betroffenheit vom Inhalt der Information). Auch Thiessen (1994: 10) beschäftigte sich mit den Motiven der Gerüchteentstehung, indem er feststellt: "Der Reiz, Gerüchte neu zu emittieren oder sich an der Weiterverbreitung zu beteiligen, liegt daran, dass wegen der zeitlich begrenzten Nutzbarkeit der Informationen — Gerüchte verbreiten sich mit großer Geschwindigkeit — der Informationsempfänger unter Entscheidungsdruck steht."

Gerüchte zu lancieren, ist die eine Seite. Doch ein Gerücht "betrifft" stets Jemanden oder etwas, kolportiert eine Situation, ist Trägermedium einer unbestätigten Nachricht, "enthüllt" ein zu bewahrendes Geheimnis und ist vor allem indiskret. Es verfügt über ein subversives Potential. Sobald es in Umlauf gebracht worden ist, gewinnt es an Eigendynamik, verselbständigt es sich und wird sozusagen zum Allgemeingut. Ein Gerücht "gehört" niemanden. Der Urheber oder Initiator ist meist nicht ausfindig zu machen, und deswegen kann er nicht belangt werden. Das macht es für die Betroffenen — sofern sie überhaupt rechtzeitig davon erfahren — schwer, darauf zu reagieren und den Schaden zu begrenzen. Unternehmens- und andere materielle Schäden sind im Wirtschaftsleben die häufigste Folge. Doch gegen wen soll sich das Unternehmen wenden, wenn der Urheber nicht auszumachen ist?

4 Wie geht man mit Gerüchten um?

Die Schwierigkeit im Umgang mit Gerüchten besteht darin, dass sie nur schwer dingfest zu machen sind. Gerüchte sind Artefakte. "Als flüchtige kollektive Ereignisse existieren sie nur im Moment ihrer Kommunikation." (Neubauer 1998: 13). Ihre Herkunft entzieht sich weitgehend einer sachrationalen Betrachtung. Im allgemeinen hat man es beim Herangehen an das Thema mit einer Gemengelage zu tun. Ein Gerücht entsteht ja nicht aus dem Nichts, sondern ist immer situativ und kontextual an bestimmte Ereignisse gebunden. Dabei vermischen sich Halbwahrheiten, Verdächtigungen, Geraune, Unterstellungen, Mutmaßungen, Unbestimmtheiten und Richtiges mit Unrichtigem, ohne dass der Betroffene die ursprüngliche Quelle identifizieren kann. Wobei häufig auch eine gewisse Erwartungshaltung mitschwingt: "Wird er nun gehen oder nicht?", "Das klingt doch sehr plausibel und deckt sich mit unseren Einschätzungen des Marktes", "Habe ich Ihnen nicht schon vor Wochen vorausgesagt, dass …" oder wie z.B. "Ja, das war gar nicht anders zu erwarten" bzw. "Das passt ganz genau in die Landschaft".

Die Möglichkeiten der Einflussnahme von "oben" sind begrenzt. In der Wirtschaft tut man sich in der Regel schwer, mit Gerüchten umzugehen. Das liegt vor allem daran, dass man keine Kontrolle über sie ausüben kann, was mit dem Selbstverständnis von Unternehmensführung nicht in Übereinstimmung zu bringen ist, wo man es bekanntlich gewohnt ist, alles und jedes strengen Regularien zu unterwerfen. Ein Gerücht ist nicht "fassbar" und entzieht sich streng rationaler Betrachtung. Ein "Gerüchte-Controlling" im engeren Sinne wird es wahrscheinlich nie geben können. Angesprochen ist die Gefühlsebene. Auf dieser "argumentiert" das Gerücht. Um es verstehen zu können und damit sich die Möglichkeit eines Einflusses auf die Gerüchte-Triade zu verschaffen, braucht es bei den Betroffenen "ein gefühlsmäßiges Verständnis".

4.1 Gerüchte als Kommunikationsmittel

Gerüchte werden z. B. gestreut, um:

aber auch, um:

Daneben ist das Gerücht ein geeignetes Medium im Rahmen der so genannten Vorfeldkommunikation.5 Indem ein Unternehmen gewisse Informationen, an deren Verbreitung es Interesse hat, in die Welt setzt, erfährt es frühzeitig die öffentliche Reaktion auf eine noch nicht vollzogene, aber u.U. geplante Handlung und verschafft sich damit handfeste Vorteile. So gesehen, ist das Gerücht ein Medium der Markt- und Meinungserkundung und darin höchst effektiv. Freilich wird es von Unternehmen nur selten genutzt. Ein Gerücht ist also ein wirkungsvolles Instrumente, um sich frühzeitig Informationen über die öffentliche Reaktion einer noch nicht vollzogenen Handlung zu beschaffen. Eine weitere Funktion des Gerüchts ist die der Manipulation.

Auf den Finanzmärkten sind Gerüchte gang und gäbe. Sie werden — obwohl es sich um unbestätigte Nachrichten handelt — auf Grund der kurzen Reaktionszeiten an den Weltbörsen besonders in nachrichtenarmen Zeiten wie "hard facts" gehandelt und beeinflussen die Kurse. Sie gehören zum Inventar der Finanzmarktkommunikation. Man denke nur an das viel zitierte "buy on rumors, sell on facts". Aktienkurse reagieren sensibel auf aufkommende Gerüchte, die oft nur einen einzigen Zweck haben: nämlich den Kurswert einer Aktie hochzutreiben oder in den Keller zu schicken. Übernahmefantasien, finanzielle Unregelmäßigkeiten, Wechsel im Management, Klageandrohungen oder der bevorstehende Gang zum Konkursrichter — das ist der Stoff aus dem Börsengerüchte gemacht sind. Da wird von Fusionen gemunkelt, werden Gewinnwarnungen ausgestreut, Zukäufe angedeutet oder von Liquiditätsschwierigkeiten geredet. Alles auf Grund nicht nachprüfbarer Fakten. Damit lässt sich in vielen Fällen auf die Schnelle Geld verdienen oder ein Unternehmen "verkaufsreif" herunterreden. Anlageentscheidungen müssen oft in kürzester Zeit getroffen werden. Da bleibt nicht viel Zeit, um sich davon zu überzeugen, ob es "nur ein Gerücht" ist, oder ob eben doch etwas Wahres dran ist. Nach Inkrafttreten der Richtlinie gegen Marktmissbrauch Ende 2003 können Kursmanipulationen künftig leichter verfolgt werden. Auch Gerüchte oder Prognosen dürfen nicht ausgestreut werden, wenn der Börsenpreis dadurch manipuliert werden soll.

Zu Bedeutung des Gerüchts auf den Finanzmärkten erfährt man aus den Berufsgrundsätzen (4e)6 des Deutscher Investor Relations Kreis e.V. (DIRK) nicht viel: "Gerüchten soll mit dem Instrumentarium der Investor Relations aktiv begegnet werden, in schweren, das Image und / oder die Geschäftsentwicklung schädigenden Fällen sollen Instrumente der Public Relations (Pressearbeit, Anzeigen etc.) einbezogen werden." Banaler geht es kaum, weil damit zum Ausdruck kommt, dass man sich in dieser Kommunikationsdisziplin mit der Funktion des Gerüchts bestenfalls oberflächlich auseinandergesetzt hat.

Einige deutsche Zeitungen und Zeitschriften haben eigene Rubriken7 eingerichtet, in denen sie Marktgerüchte wiedergeben. Damit geben sie den Gerüchten natürlich einen offiziellen Anstrich, ohne dafür presserechtlich in Anspruch genommen werden zu können. Aber auch in der täglichen Berichterstattung — und dies gilt für sämtliche Medien — finden Gerüchte einen breiten Raum, wie die folgenden, wenigen Zitate es belegen: "Gerüchte treiben Anleger in Bankentitel" (Financial Times Deutschland v. 12.06.2003, S. 19), "Es brodelt in der Gerüchteküche" (FAZ v. 29.11.2003, S. 17), "TUI-Aktie steigt trotz dementierter Gerüchte kräftig" (Financial Times Deutschland v. 17.09.2003, S. 6) oder "Gerüchte treiben Euro-Kurs über 1,24 Dollar" (FAZ v. 18.12.2003, S. 23).

Mithilfe der neuen Medien hat sich die Zahl der Verbreitungskanäle erhöht. Neben den zahlreichen redaktionellen Diensten, die analog zu Fernsehen und Print an der Verbreitung von Gerüchten teilhaben, können hier auch Privatpersonen effizient Gerüchte verbreiten, etwa in Investoren-Boards, über Mailverteiler, Newsgroups, in Blogs etc.

Gerüchte sind indiskret.

Ein dritte Funktion des Gerüchts ist die Indiskretion, der Geheimnisverrat. Oft stellen Gerüchte eine Indiskretion dar. Sie werden aus Eigennutz oder um Jemanden gezielt zu schaden gestreut und finden in privaten und öffentlichen Medien große Resonanz, besonders wenn es sich um bekannte Personen oder Unternehmen handelt ist die schnelle Verbreitung gesichert. Jemand hat Kenntnis von einer "Affäre", von Steuerbetrug, von Fusionsabsichten, von Personalentlassungen, von Werksschließungen oder einer Verlagerung des Unternehmens ins Ausland und macht öffentlich, was zu diesem Zeitpunkt nicht öffentlich gemacht werden soll. Zweierlei kann als Motiv herhalten: Anderen schaden oder umgekehrt Schaden für sich und andere Betroffene abzuwenden oder zumindest geringer zu halten. Was "ehrenhaft" ist, kann nur durch die Prüfung des Einzelfalls entschieden werden. Nicht jedoch, wenn Eingeweihte aus zweifelhaften Motiven ihre Indiskretion als "Ware" an Dritte verkaufen und sich daran bereichern. Abnehmer für derlei Gerüchte sind häufig private und öffentliche Medien, die zusätzlich für die Verbreitung so genannter indiskreter Gerüchte sorgen. Passend hat diesen Umstand Thomas Jefferson beschrieben, als er sagte: "Klatschkolumnisten sind die Gerüchtsvollzieher der Gesellschaft."8 Was man damit anrichtet, wird in den meisten Fällen anfänglich gar nicht bedacht.

Gerüchte bereiten oft auf schlechte Nachrichten vor.

Eine vierte Funktion des Gerüchts ist die Vorbereitung der Öffentlichkeit oder der Betriebsbelegschaften auf (in der Regel schlechte) geplante Veränderungen: Betriebsschließungen, größere Entlassungen, Kürzung des Weihnachtsgelds, Wechsel im Management, Umstrukturierungen, Übernahmen, Börsengang, Dividendenausfall etc. Gerüchte dienen vielfach zur Vorbereitung bzw. Einstimmung auf gravierende Ereignisse und Veränderungsvorhaben. Unternehmen bauen mit dieser Spielart "Schockerlebnissen" vor und bringen sich rechtzeitig aus der Schusslinie. Diese Spielart ist immer häufiger zu beobachten. Unternehmen "schützen" sich damit, weil sie den Schockpegel senken, wenn die schlimme Wahrheit irgendwann ans Licht kommt. Unternehmen, die ohne selbst als Quelle zu erscheinen, die Entlassung von 25.000 Mitarbeitern ins Gespräch bringen mit der Absicht im Hinterkopf, sich womöglich "nur" von halb so vielen zu trennen, werden in der Öffentlichkeit nicht mehr als die eigentlichen Bösewichte wahrgenommen, sondern fast als Retter in der Not gefeiert. So läuft es in vielen Fällen — that's the name of the game! Die Politik macht ebenfalls regen Gebrauch von dieser Spielart.

4.2 Die Abwehr von Gerüchten

Ein Dementi ist keine zugkräftige Nachricht.

"Ein Dementi ist keine zugkräftige Nachricht. Darauf hatte man schon gewartet", schreibt Kapferer in seinem Standardwerk "Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt" (1996: 286). Die sprachlichen Floskeln, welche in Entschuldigungsritualen gebraucht werden, klingen für uns alle wohl vertraut, verfehlen aber im Alltag regelmäßig ihre Wirkung, wenn wir hören: "völliger Blödsinn", "frei erfunden", "absurd", "faktisch nicht nachvollziehbar" etc. Das sind höchstens noch Placebos. Eine echte, überraschende, unerwartete Antwort wäre dagegen: "Ja, das trifft zu."

Dementis und Gegendarstellungen gehen oft ins Leere — oft wirken sie in ihrer Unbeholfenheit eher wie eine Bestätigung des Gerüchts, denn als ein wirkliches Dementi. Welche Strategie ist dann aber geeignet, mit Gerüchten überlegt umzugehen und so gut es geht seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen und weiteren Schaden abzuwenden? Darauf gibt es keine einfache Antwort.

Zunächst hängt die "Antwort" auf ein Gerücht von einer Prüfung der folgenden Fragen ab:

Für eine sorgfältige Erörterung derartiger Fragen, fehlt in der Praxis häufig die Zeit. Sieht man in diesem Moment einmal von selbstinitiierten Gerüchten ab, steht für alle übrigen Fälle das Überraschungsmoment. Ein Gerücht kündigt sich ja nicht an, sondern trifft die Unternehmen fast ausnahmslos unvorbereitet. Und dies, obwohl Gerüchte zu den betrieblichen Risiken zählen, die durch das durch das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG) vorgeschriebene Risikomanagement eigentlich mit erfasst werden sollten. Zunächst schafft ein Gerücht höchste Unsicherheit im Unternehmen. Gremien kommen zusammen, es wird beratschlagt und Rechtsrat eingeholt. Man ist erbost darüber, "wie es sich überhaupt jemand leisten kann, so über uns zu reden.", Gefühle kochen hoch und man neigt dazu, alles zu tun, "um es  d e n e n  mal richtig zu zeigen". Doch wer sind "die"? Fühlt man sich "ertappt", reagieren die Verantwortlichen erst recht affektiv, was an sich keine ideale Entscheidungsgrundlage darstellt. Insbesondere Unternehmensteile mit marktsensiblen Aufgaben täten gut daran, sich auf alle möglichen Gerüchte vorzubereiten. Muss im Einzelfall ohne Vorbereitung und unter Zeitnot gehandelt werden, dann kommen oft heuristische Entscheidungstechniken zum Zuge, die mehr oder weniger auf allgemeinen Erfahrungswerten beruhen. Sie sind nicht immer der beste Ratgeber.

Generell sollten Unternehmen ihr Augenmerk daher statt auf Sachrisiken zunehmen auf Reputationsrisiken lenken. Liest man in den Zeitungen nach, so findet man fast täglich Hinweise, wie auf ein Gerücht reagiert wird. Es soll "erstickt", "unterdrückt", "bekämpft", "dementiert", "widerlegt" und was weiß noch alles werden. Helfen tut das wenig, im Gegenteil: Je stärker sich eine Unternehmen gegen ein Gerücht "wehrt", desto eher trägt es zu seiner weiteren Verbreitung bei. Gerüchte haben

Welche Reaktionen sind also möglich und welche erweisen sich als besonders erfolgsversprechend?

Eigengesetzlichkeiten, denen sie folgen. Vor allem haben sie ein Verfallsdatum; sie folgen dem Gesetz des abnehmenden Ertrags. Es besteht breite Übereinstimmung, dass es unmöglich ist, sich generell vor Gerüchten zu schützen. Verteidigungsstrategien werden in der Literatur vornehmlich anhand von Interaktionssituationen analysiert, in denen sich die Akteure in einem direkten Gesprächszusammenhang befinden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Bewertung einzelner Strategien vor einem anonymen Publikum ähnlichen Gesetzen folgt.

ist schon hundertmal behauptet worden. Uns gibt es aber immer noch." oder "Nein, es waren nicht zwanzig, sondern hundert Millionen Euro. Haben Sie das nicht gewusst?" Im Grund geht es hierbei um eine Erhöhung und Übertreibung bis zu dem Grad, bei dem das Ganze unglaubwürdig wird. Wenn dies gelingt, hat man sein Ziel erreicht, und das betreffende Gerücht verschwindet vom Markt.

Ganz gleich, wie man als Betroffener mit einem Gerücht verfährt bzw. umgeht, eines ist in allen Fällen und bei allen Verhaltensstrategien zu beachten: Stellungnahmen zu Gerüchten, besonders dann, wenn Rechtsanwälte einbezogen sind, fallen speziell von Unternehmensseite überwiegend rational, nüchtern und sachlich aus, treffen jedoch unter Umständen auf eine Öffentlichkeit, die stark emotionalisiert ist und deshalb jeder Form von rationaler Argumentation kritisch gegenüber steht. Deshalb wird es in vielen Fällen sinnvoll sein, zunächst etwas Zeit verstreichen zu lassen, bevor man öffentlich reagiert. Hektisches Handeln ist fehl am Platz. Es wird auch immer wieder Fälle geben, wo man an einem Dementi nicht vorbeikommt. Insbesondere wird dies unumgänglich sein, wenn rechtliche Gründe dafür sprechen oder der Bestand des Unternehmens gefährdet ist.

Bis dahin haben wir, auch aus dem Grunde, weil es die am häufigsten vorkommenden Ereignisse sind, von den Möglichkeiten gesprochen, wie man Gerüchte gegebenenfalls abwehren kann. Völlig anders ist selbstverständlich die Interessenlage, wenn man selbst — als Person oder als Unternehmen — Urhebers eines Gerüchts ist. Der Urheber ist stets nachhaltig daran interessiert, ein Gerücht möglichst lange im Umlauf zu halten. Solange jedenfalls, bis es seinen Zweck erfüllt hat. Um diesen zu erreichen, wird er wohl am Anfang nicht gleich allen verfügbaren Nachrichtenstoff in Umlauf bringen, sondern immer versuchen, der Gerüchteerzählung ständig neuen Nachrichtenstoff hinzufügen. Gelegentlich helfen hierbei auch neue Gerüchte, die das schon bekannte Gerücht unterstützen und noch glaubwürdiger machen.

Nicht jedes Unternehmen ist für Gerüchte anfällig.

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Bedingungen im Umfeld eines Gerüchts. Sie erlauben uns in der Regel, frühzeitig Wirkung und Folgen eines in Umlauf gebrachten Gerüchts abzuschätzen, und wir gewinnen auf diese Weise einen gewissen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Dinge. Die Immunisierung beginnt dort, wo das Gericht noch nicht da ist. Wie Bergler (1987) in seinem Werk "Psychologie in Wirtschaft und Verwaltung" schreibt, beginnt keine Kommunikation bei Null, sondern stets bei einem voretikettierten Partner. So ist es zum Beispiel nicht unwichtig, ob das durch ein Gerücht betroffenes Unternehmen von vornherein Vertrauen in der Öffentlichkeit (üblicherweise als "Vertrauensvorschuss" bezeichnet) genießt oder nicht. Glaubwürdigkeit ist ein hohes Gut. Was daraus folgt, ist klar: Dem einen Unternehmen traut man "das" eher zu als dem anderen. Folglich verringert sich für ein Unternehmen, dem man glaubt, was es sagt, der wirtschaftliche Aufwand. Es ist weit weniger als ein Unternehmen mit eher zweifelhaftem Ruf zu aufwändigen Rechtfertigungen genötigt. In dieser Situation realisiert sich ein Teil dessen, was ein Unternehmen sich im Laufe der Zeit an Reputation, Ansehen, Glaubwürdigkeit und guten Ruf verschafft hat. Es ist auch in einer labilen Gerüchtesituationen stabil, überhaupt weniger angreifbar und verliert nur wenig von seiner Reputation (Ersparnis von Opportunitätskosten). Vertrauen verschafft Unternehmen eine gewisse Immunität, von denen sie besonders in kritischen Situationen profitieren können. Hierin realisiert sich ein Teil des Firmenwertes

Die Einschätzung der Glaubwürdigkeit ist in der Regel als besonders hoch zu veranschlagen. Generell kann daraus der Schluss gezogen werden, dass Unternehmen oder Personen von hohem Ansehen seltener Gegenstand von Gerüchten werden als umgekehrt Unternehmen oder mit einem geringem Ansehen, denen man per se "mehr zutraut". Der Initiator des Gerüchts hat es weitaus schwerer als in anderen Fällen, ein Gerücht zu initiieren und in die Welt zu setzen. Er bedient sich dann meist hilfsweise des Tricks, das sog. "Ehrenmoment" in Zweifel zu ziehen. Wie bei Siegfried in der Heldensage die Stelle am Rücken, ist ein an sich vertrauenswürdiges Unternehmen exakt in diesem Punkt am leichtesten verletzbar und fühlt sich zu einer sofortigen Reaktion herausgefordert. Analog gelten diese Hinweise selbstverständlich auch für einzelne Personen und nicht nur für Institutionen.

Gerüchte sind auch immer Stimmungsinformationen.

Für das Zulassen oder die Abwehr einer neuen, wenn auch ungesicherten Information, wie sie das Gerücht darstellt, kann unter Umständen die momentane Stimmung den Ausschlag geben. Heute verfügt kaum ein Unternehmen über das notwendige Wissen, um Stimmungen richtig deuten zu können und daraus Schlüsse für die Beurteilung der Lage zu ziehen. Stimmungen sind die Wünschelrute der Kommunikation und ein wichtiges Indiz dafür, wie eine öffentliche Reaktion vermutlich ausfallen wird. Dazu muss man wissen, dass die jeweiligen Stimmungen die Tendenz aufweisen, sich durch Aufnahme jeweils passender Hinweise sich selbst zu verstärken. Das Prinzip ist ganz einfach: Bei schlechter Stimmung wird nach schlechten Nachrichten gesucht; bei guter Stimmung dominiert die Suche nach sie bestätigenden neuen Tatsachen. Was die eigene Sichtweise nicht bestätigt, wird meist ausgeblendet. Bezogen auf die Gerüchteproblematik heißt das, dass die Bereitschaft, sich mit einem Gerücht zu befassen immer dann um ein Vielfaches größer ist, wenn die Stimmung aufgewühlt und tendenziell mies ist. Bei guter Laune dagegen und wenn gerade einmal nichts Schlimmes droht, neigt der Mensch dazu, Fünfe gerade sein zu lassen. Man selbst schwebt, von seinen Gefühlen getragen, in einer anderen Welt und überlässt das Gerüchterzählen andern. Nein, gute Stimmung ist nicht der Nährboden für gezielt gestreute Gerüchte! Stimmungen sind Information.

Stimmungen sind für die professionelle Unternehmenskommunikation auch deshalb wichtig, weil sie ein flüchtiges Kind der Vorurteile sind. Und wie diese sind sie verhaltensrelevant. Gerüchte sind immer vorurteilsbeladen bzw. spielen mit verfestigten Klischees: "Den hielt ich gleich am Anfang für eine Fehlbesetzung.", "So, wie der aussieht — ich sage Ihnen, dem ist alles zuzutrauen." — "Die haben doch nur ihre eigenen Vorteile im Kopf. Wir sind denen doch völlig egal." Dabei werden Typisierungen und Verallgemeinerungen vorgenommen, Klischees bedient und somit das Interesse breiterer Kreise gesucht. Wenn dann auch noch bekannt wird, dass "die da oben Mist gebaut haben", "Den Karren in den Dreck gefahren haben." oder "Mit einer hohen Abfindung das Haus verlassen", wächst mit der Empörung auch das Gerüchtepotential. "Ein Stereotyp kann sich verbreiten, auch wenn es genau das Gegenteil der Wahrheit behauptet". (Allport, dt. 1971: 198).

Literatur

Allport, Gordon W. Die Natur des Vorurteils. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1971.

Bergler, Reinhold. Psychologie in Wirtschaft und Gesellschaft. Defizite, Diagnosen, Orientierungshilfen. 2. Aufl. Köln: Dt. Inst.-Verlag, 1987.

Dunant, Jeffrey. Gerüchte in der Finanzkommunikation. Kommunikationstheoretische und sozialwissenschaftliche Grundlagen. Magisterarbeit Universität Leipzig, 2002.

Kapferer, Jean-N. Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt. Leipzig: Kiepenheuer, 1996.

Lerg, Winfried B. Das Gespräch. Theorie und Praxis der unvermittelten Kommunikation. Düsseldorf: Bertelsmann Universitätsverlag, 1970.

Neubauer, Hans-J. Fama. Eine Geschichte des Gerüchts. Berlin: Berlin Verlag, 1998.

Piwinger, Manfred (Hg.). Stimmungen, Skandale, Vorurteile. Formen symbolischer und emotionaler Kommunikation. Frankfurt: Verlagsgruppe Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1997.

Piwinger, Manfred / Ebert, Helmut. Vorfeldkommunikation. Ein Plädoyer für einen Paradigmenwechsel. (Teil 2: Theorie-Bausteine und Anwendungen) In: Kommunikationsmanagement. Hg. v. Bentele, Günter / Piwinger, Manfred / Schönborn, Gregor, Neuwied / Kriftel: Luchterhand, 2001 ff. (Losebl.), Art. 1.15, S. 1–42, 2002.

Schuh, Horst. Das Gerücht. Psychologie des Gerüchts im Krieg. München: Bernhard & Graefe, 1981.

Stroebe, Rainer W. Kommunikation I Grundlagen — Gerüchte — Schriftliche Kommunikation. Heidelberg: I.H.Sauer Verlag, 2001.

Theißen, Friedrich. Die Gerüchtebörse. In: Forschung Frankfurt. Wissenschaftsmagazin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt a.M. 12. Jahrgang: Heft 12, 1994.


1 Der vollständige Beitrag ist erschienen in: Bruhn/Wunderlich (Hrsg.) (2004): Medium Gerücht. Studien zur Theorie und Praxis einer kollektiven Kommunikationsform, Bern, Seite 249–274

2 Bacon [1657], ed. Schücking, S. 264, zit. nach Lerg 1970: 196

3 Johann N. Nestroy (1801–1862)

4 Zit. nach Neubauer 1998: 202 o. Quellenangabe

5 Vgl. Piwinger/Ebert 2002

6 Vgl. http://www.dirk.org/sw100.asp

7 Z.B. hat der Effekten-Spiegel eine ständige Rubrik "Börsengerüchte"

8 Thomas Jefferson, 3. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (1743–1826)


© Manfred Piwinger