Autorität
Funktion und Wirkung in der Kommunikation

(Auszug)

Vazrik Bazil und Manfred Piwinger

(Der vollständige Beitrag inkl. Literaturangaben ist erschienen in: Bentele, Günter/Piwinger, Manfred/Schönborn, Gregor (Hrsg.): Kommunikationsmanagement (Losebl. 2001 ff.), Art.-Nr 8.35, Köln 2009)

1. Einleitung

Autoritäts- und Machtphänomene sind in jedem Lebensbereich gegenwärtig. Sie bestimmen nicht nur politische Strukturen, sondern auch unser alltägliches Miteinander - in der Familie und Schule, in den Verbänden und Unternehmen. NGOs, die Stiftung Warentest, das Bundesverfassungsgericht, Kirchen, bestimmte Orchester oder Museen haben ebenso Autorität wie einige Theater- und Musikkritiker oder Herausgeber wichtiger Zeitungen. Auf Finanzmärkten spricht man auch von "Gurus".

Das Bedürfnis nach Autorität ist elementar, und ohne Autorität gibt es keine menschliche Beziehung. Gewaltige Kirchen, Mausoleen, Regierungsgebäude, Gerichte, Kleider, Titel, Automarken, Bestsellerlisten usw. sind Autoritäts- und Machtsymbole mit entsprechender Wirkung, mag diese zuweilen absichtlich oder unabsichtlich gewollt sein. Im unternehmerischen Leben ist die Bedeutung der Autorität unschwer einzusehen. Erfolg hängt hier wesentlich von der Führungsqualität des Vorgesetzten und somit auch von seiner Autorität ab. Denn ohne diese Qualität gelingt keinem kollektiven Handeln die Verwirklichung von unternehmerischen Zielen, seien sie interne oder externe.

Doch Autorität, wie wir es sehen werden, bezieht sich nicht nur auf organisatorische Hierarchien. Da das eigene Ansehen und damit ineins der eigene Erfolg nur durch eine angemessene Selbstdarstellung gesichert werden kann, bricht der Wettstreit um Autorität in den unterschiedlichsten Positionen und Märkten aus. Dieser Wettstreit ist zugleich ein Kampf um das knappe Gut Aufmerksamkeit. Diese transportiert Wertschätzung. Denn wichtig halten wir nur den, den wir auch wahrnehmen und bemerken. Und von dieser Wertschätzung, die wir von anderen empfangen, hängt auch unser Selbstwertgefühl ab. Schließlich will jeder seinen Selbstwert maximieren.

Was die Vorzüge der Autorität sind, welche Relevanz sie in der Kommunikation hat und wie sie erkämpft wird, sind die Themen der nachfolgenden Ausführungen.

2. Was ist Autorität

Autorität ist im weitesten Sinne eine Stellung, die Menschen Institutionen oder Personen zuschreiben. Wer eine Autorität hat, ist Vorbild für viele, die sich im Denken und Handeln nach ihm richten. Etymologisch stammt das Wort "Autorität" vom lateinischen Substantiv "auctoritas", das Ansehen, Würde oder Macht bedeutet und seinerseits auf das Verb "augere" zurückgeht: vermehren, fördern, bereichern und wachsen.

Autorität ist keine Eigenschaft, die einer Person oder einer Organisation an sich inne wohnt, vielmehr geht sie aus einer Beziehung hervor, die verschiedene Formen annehmen kann:

Man kann sich selbstverständlich Autorität auch anmaßen, wie beim "Hauptmann von Köpenick" oder sogar Schein-Autoritäten ins Feld führen, wie bei Medien, die sich auf "gut unterrichtete Quellen" oder auf "gut unterrichtete Kreise" berufen oder "aus dem engen Führungskreis des Unternehmens" wichtige Nachrichten gehört zu haben vorgeben.

Im soziologischen Sinne ist Autorität eine Form der Macht, die auf Anerkennung der Werte oder Funktionen einer Person bzw. einer Organisation beruht und durch Legitimität gestützt wird. Max Weber unterscheidet drei Arten von Legitimität für die Autorität des Staates, der sich die Bürger fügen sollten, damit der Staat bestehen kann:

"Es gibt der inneren Rechtfertigungen, also: der Legitimitätsgründe einer Herrschaft – um mit ihnen zu beginnen – im Prinzip drei. Einmal die Autorität des 'ewig Gestrigen': der durch unvordenkliche Geltung und gewohnheitsmäßige Einstellung auf ihre Innehaltung geheiligten Sitte: 'traditionale' Herrschaft, wie sie der Patriarch und der Patrimonialfürst alten Schlages übten. Dann: die Autorität der außeralltäglichen persönlichen Gnadengabe (Charisma), die ganz persönliche Hingabe und das persönliche Vertrauen zu Offenbarungen, Heldentum oder anderen Führereigenschaften eines einzelnen: 'charismatische' Herrschaft, wie sie der Prophet oder – auf dem Gebiet des Politischen – der gekorene Kriegsfürst oder der plebiszitäre Herrscher, der große Demagoge und politische Parteiführer ausüben. Endlich: Herrschaft kraft 'Legalität', kraft des Glaubens an die Geltung legaler Satzung und der durch rational geschaffene Regeln begründeten sachlichen 'Kompetenz', also: der Einstellung auf Gehorsam in der Erfüllung satzungsmäßiger Pflichten: eine Herrschaft, wie sie der moderne 'Staatsdiener' und alle jene Träger von Macht ausüben, die ihm in dieser Hinsicht ähneln" (Weber, S. 9). Während die traditionell begründete Autorität immer mehr ins Wanken gerät, bleiben die anderen beiden Legitimationsformen bestehen – sowohl in politischen als auch in unternehmerischen Strukturen[1].

Für Parsons ist Autorität ein institutionell anerkanntes Recht, die Handlungen anderer zu beeinflussen (vgl. Eckler, 2001, S. 10–11), was mit formalen, im weberschen Sinne, "legalen" Positionen einer Person zusammenhängt und Anordnungen bzw. Sanktionen einschließt. So entsteht ein hierarchisches Verhältnis der Über- und Unterordnung, wobei auch hier die Autorität weniger auf Gewalt und Macht beruht als auf dem Vertrauen in die Persönlichkeit der Führungskraft.

Dass Autorität ein elementares Bedürfnis der Menschen ist, hat ein Experiment von zwei britischen Psychologieprofessoren, Reicher und Haslam, im Stanford Prison Experiment gezeigt (vgl. Haney, 1998 u. 1973):

Sie haben 15 Teilnehmern erklärt, dass es um soziale Ungleichheit gehe. Aufgeteilt in 5 Wärter und 10 Gefangene sollten sie zwei Wochen lang die Rolle von Aufsehern und Häftlingen spielen. Die potenziellen Teilnehmer wurden intensiv auf ihre psychische Eignung geprüft. Während des gesamten Experiments wurden sie sowohl vom Ethikkomitee als auch von Psychologen beobachtet. Die Aufgabe der Wärter war es, das Gefängnis effizient und sicher zu leiten, keine Gewalt anzuwenden und Respekt zu zeigen. Der Statusunterschied zwischen Wärtern und Häftlingen wurde über die in der anstaltsüblichen Kleidung kaum deutlich. Die Wärter bekamen besseres Essen. Als Strafmöglichkeiten standen ihnen Einzelhaft oder eine Brot- und –Wasser-Diät zur Verfügung. Unerwartet zeigten sich als erstes die Wärter besorgt um ihre Privilegien. Die Situation wurde als "Big brother-Spiel" interpretiert und die Wärter sagten: Wenn wir das hier durchstehen, gehen wir erst mal alle zusammen ein Bier trinken. Diese unerwartete Geste gab den Gefangenen Auftrieb. Sie nahmen den "weichsten" Wärter aufs Korn und versuchten eine Strategie des Auseinanderdividierens und Eroberns. Die Wächter waren am Ende schwach und demoralisiert. Daraufhin wollten die Häftlinge die Führung übernehmen und forderten Uniformen. Mangelnde Autorität führte zum Verlangen nach Struktur und Führung. Anfänglich wollten sowohl die Wärter als auch die Gefangenen eine "demokratische" Struktur aufbauen. Doch was dabei entstand, war keine "Demokratie" mehr, sondern ein Mangel an Struktur, der allmählich tyrannische Vorstellungen weckte. Am Ende des Experiments waren sowohl Wärter als auch Gefangene deutlich autoritärer gestimmt als zu Beginn des Experiments; zu dessen Ergebnissen gehört die Einsicht: Fehlende Autorität führt zur Tyrannei.

2.1 "Autorität" und Gewalt

Von "auctoritas" hebt sich deutlich die "potestas" als Amtsgewalt ab. Diese Unterscheidung ist insofern wichtig, als Autorität Gewalt aus-, während Macht sie durchaus einschließt. Die Autorität geht vornehmlich aus einer Beziehung hervor und bedarf stets der Anerkennung anderer und in dem Maße, in dem sie Gewalt anwendet, büßt sie an Bedeutung ein. Gewalt hingegen setzt sich einseitig durch und, in bestimmten Situationen, vernichtet sie sogar ihren Gegenstand. Eine in diesem letzteren Sinne missverstandene Autorität kommt dem Autoritarismus gleich.

Ein Übermaß an autoritärem Verhalten, z.B. in einem autoritären Führungsstil fordert von den Mitarbeitern eine völlige Identifikation mit der Gruppe und führt letztlich zu einem inflexiblen und machthörigen Verhalten, das die Mitarbeiter unzufrieden stimmt und die Effizienz der Arbeit beeinträchtigt. Die Kehrseite des Autoritarismus ist die Autoritätsgläubigkeit, deren Funktion und Wirkung "Der Untertan" von Heinrich Mann beschreibt. Heute ist sie unter dem Stichwort "Radfahrer-Mentalität" bekannt: nach oben buckeln und nach unten treten.

Fromm spricht im Bezug auf Autoritarismus auch von 'autoritären Reaktionen', die immer dann einsetzen, wenn in verunsichernden Situationen Menschen sich an Instanzen oder Personen wenden, von denen sie meinen, dass sie ihnen Schutz und Sicherheit bieten. Er spricht von einer "sekundären Bindung" als Ersatz für die verlorenen primären Bildungen (Fromm, S. 126). Diese autoritäre Reaktion entsteht im Sozialisationsprozess vor allem durch die nicht abgebaute und im Laufe des Lebens verfestigte Bereitschaft, in Krisensituationen mit einer Flucht in die Sicherheit zu reagieren.

Gerade in Unternehmen, die Wert auf Gruppenarbeit legen, gilt es immer zu erklären, dass die Zauberwörter "Teamwork" oder "Teamplayer" zwar Bereitschaft zu Kompromissen voraussetzen, keineswegs aber autoritäre Zufluchtsmechanismen einschließen, denen Angst und Unsicherheit zugrunde liegen. Eine ausdrückliche semantische Klärung dieser Begriffe ist immer notwendig, weil deren inflationärer Gebrauch ihre Bedeutung verdunkelt und sie zu bloßen Floskeln verkümmern lässt.

Autorität und Gewalt können auch eine andere Beziehung zueinander eingehen: Gewalt geht dieses Mal nicht von der Autorität aus, sondern richtet sich gegen sie. Hier kann man von Autoritätsverlust sprechen: Man denke an die Gewalt gegen die Polizisten, die letztlich den Staat repräsentieren, man denke an Sachbeschädigungen und man denke z.B. an den berühmten 9. November 1967, als die beiden Jurastudenten mit einem Transparent vor die einziehenden Professoren sprangen, zunächst unsichtbar für die ins Auditorium Maximum der Hamburger Universität einziehenden Talarträger, umso sichtbarer für die Kameras.: "Unter den Talaren – der Muff von 1000 Jahren". Dieser mit Klebestreifen auf das schwarze Stoffstück geschriebene Satz, ein Motto der 68er, versinnbildlichte den zeitweiligen Verlust einer der höchsten Autoritäten, der Universität.

 

2.2 "Autoritäten" in Unternehmen

In Unternehmen können wir drei Formen von Autoritäten unterscheiden:

Diese Autoritäten ergänzen sich. Insbesondere die personale und funktionale Autorität sind wichtig. Verfügt ein Vorgesetzter über gute fachliche Kenntnisse, zeigt aber charakterliche Schwächen, dann ist seine Autorität gefährdet. Problematisch ist der umgekehrte Fall ebenso: Besitzt eine Führungskraft zwar die notwendige persönliche Ausstrahlung, aber fehlt es ihr an soliden fachlichen Kenntnisse, so untergräbt dies ebenfalls ihre Autorität.

Autoritäten sind in Unternehmen auch deshalb bedeutsam, weil sie die interne und externe Komplexität reduzieren. In seiner "Rhetorik" hebt Aristoteles auf die Glaubwürdigkeit des Redners ab, wenn er schreibt: "Eine Rede wirkt durch die Persönlichkeit des Redenden überzeugungsstark, wenn es der Rede gelingt, den Redner glaubwürdig erscheinen zu lassen; denn wir glauben rechtschaffenen Menschen in allen Angelegenheiten leichter und eher, erst recht aber in Fällen, wo es keine absolute Gewissheit gibt, sondern wo verschiedene Meinungen ins Spiel kommen" (Aristoteles 1999, S. 4). Diese Passage ist insofern interessant, als sie unser Augenmerk auf die Komplexität der Umwelt richtet. Komplexität ruft Ungewissheit hervor, weil man nicht alles wissen und jeden prüfen kann. Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Ansehen springen hier in die Bresche, füllen die aufgerissene Lücke und senken, als soziales Kapital, Transaktionskosten. Aus drei Gründen kommt der Autorität, die glaubwürdig ist, eine tragende Rolle zu. Sie

Gerade in Krisenzeiten sind Autoritäten gefragt, weil sie Halt und Orientierung bieten. Unübersichtliche Situationen bedürfen plausibler Erklärungen. Der angemessene Einsatz von Autoritäten ist daher Teil des Krisenmanagements.

3. "Autorität" in der Kommunikation

Die Bedeutung der "Autorität" für die Kommunikation erkannten die Griechen zunächst in der Rhetorik. Nach Aristoteles hat Autorität ihren Ort im Beweisverfahren der dialektischen Rede, wie er es in seiner Topik behandelt. Der wahrscheinliche Schluss wird aus wahrscheinlichen Sätzen gezogen, die zu ihrer Gültigkeit der Zustimmung bedürfen "entweder aller oder der meisten oder der Weisen, und auch von allen Weisen wieder entweder aller oder der meisten oder der bekanntesten und angesehensten." Diese sind die Autorität, die in Form des Zeugnisses vor Gericht oder des Zitats in der Literatur den vorgetragenen Argumenten im wahrscheinlichen Beweis Glaubwürdigkeit verleihen und zu Zustimmung führen: es ist er Beweis ex auctoritate.

Eine andere Möglichkeit des Beweises ergibt sich aus dem autoritativen Beispiel: "wenn wir kein rhetorisches Schlussverfahren haben, so müssen wir uns der Beispiele als aufweisender Beweise bedienen, denn durch sie gewinnen wir Überzeugung; aber auch wenn wir sie haben, benutzen wir die Beispiele als Zeugnisse und als eine Art von Nachtrag zu den rhetorischen Schlüssen" oder "Wahrscheinlichkeit hat eine Aussage, die von Beispielen unterstützt wird" (Topik, 100 b 21, 1394 a 11, 1428 a 25).

Gerade im gesellschaftlichen Diskurs kommen diese Einsichten von Aristoteles deutlich zum Vorschein: Expertenmeinungen, Statistiken, Umfragen, wissenschaftliche Ergebnisse usw. zeigen, wie der Kampf um Autorität ausgefochten wird, um Themen zu setzen und die öffentliche Wahrnehmung zu steuern.

In diese Richtung argumentiert auch Schopenhauer, der in seinem Werk "Eristische Dialektik. Die Kunst Recht zu behalten" unter dem Kunstgriff 30 die Rolle der "Autorität" in der Beweisführung erläutert:

"Das argumentum ad verecundiam. Statt der Gründe brauche man Autoritäten nach Maßgabe der Kenntnisse des Gegners. Unusquisque mavult credere quam judicare (jeder will lieber glauben als urteilen): sagt Seneca [De vita beata, I, 4]; man hat also leichtes Spiel, wenn man eine Autorität für sich hat, die der Gegner respektiert." (Kunstgriff Nr. 30) "Autoritäten, die der Gegner gar nicht versteht, wirken meistens am besten. Ungelehrte haben einen eignen Respekt vor griechischen und lateinischen Floskeln." "Auch sind allgemeine Vorurteile (hinterhältigerweise) als Autoritäten zu gebrauchen (besser: zu missbrauchen). Denn die meisten denken mit Aristoteles … Ja, es gibt keine noch so absurde Meinung, die die Menschen nicht leicht zu der ihrigen machten, sobald man es dahin gebracht hat, sie zu überreden, dass solche allgemein angenommen sei." "Kurzum, denken können sehr wenige, aber Meinungen wollen alle haben: was bleibt da anderes übrig, als dass sie solche, statt sie sich selber zu machen, ganz fertig von Andern aufnehmen? Da es so zugeht, was gilt da noch die Stimme von hundert Millionen Menschen? – So viel wie etwa ein historisches Faktum, das man in hundert Geschichtsschreibern findet, dann aber nachweist, dass sie alle, einer dem andern ausgeschrieben haben, wodurch zuletzt alles auf die Aussage eines Einzigen zurückläuft …"

Diese Ausführungen von Schopenhauer zeigen die Macht der "Autorität" in der persuasiven Kommunikation, die infolge "geliehener Autoritäten" Meinungen, Einstellungen und Verhalten zu beeinflussen versucht.


[1] Bocheński unterscheidet zwischen epistemischer und deontischer Autorität: Epistemische Autorität ist die Autorität des Wissenden, der sich in einem Fachgebiet besonders gut auskennt und als Experte herangezogen wird; deontische Autorität bezeichnet die Autorität des Vorgesetzten, der von dieser seiner Position her Weisungen zum Verhalten seiner Untergebenen erteilen kann (Bocheński, 1974).