Wenn zwei sich missverstehen

Das Missverständnis in der Kommunikation

Von Manfred Piwinger und Jörg Christoffel

"So etwas von Missverständnissen, von Nebeneinanderdenken, von Aneinandervorbeireden …"

Kurt Tucholsky am 18.1.1931 an seinen Bruder

(Gefunden in: Kulturgeschichte der Missverständnisse, Stuttgart 1997)

Über das Risiko einander misszuverstehen, denken wir normalerweise erst dann nach, wenn's passiert ist. Dann tauchen Fragen auf, wie "Aber ich habe es doch deutlich genug gesagt oder?" "Wie kann man das nur missverstehen?" "Warum bekommt der das immer in den falschen Hals?" Missverständnisse, die entdeckt werden, machen eines deutlich: Wir bewältigen unseren Alltag nur, indem wir grundsätzlich darauf vertrauen, dass die Anderen uns verstehen – und wir sie. Wir ersetzen Wissen öfter durch solche Annahmen als uns klar ist. Dann gehen wir auseinander und glauben uns verstanden zu haben, nur um kurze Zeit später festzustellen, dass dem nicht so ist …

Missverständnisse und ihre Folgen

Missverständnisse passieren Tag für Tag. Sie sind ein natürlicher Bestandteil unseres täglichen Lebens und so selbstverständlich, dass sie uns häufig nicht oder nur am Rande bewusst werden. Das liegt zum Teil daran, dass viele "kleine" Missverständnisse keine dramatische Folgen haben. Warum also groß darüber nachdenken? Mit einem Schulterzucken tun wir hier vieles ab.

Dennoch sind Missverständnisse für die Kommunikation potentiell sehr gefährlich, denn sie beruhen auf einer falschen Grundannahme: Man glaubt und vertraut darauf, sich über einen Sachverhalt korrekt verständigt zu haben. An diesem Punkt unterscheidet sich das Missverständnis vom Unverständnis, das auf mangelnde Verständigungsmöglichkeiten oder -voraussetzungen zurück geht. Eingeschränkte Hörfähigkeit, Sprachschwierigkeiten, Übertragungsstörungen, mangelnde Bildung oder Grenzen des Denkvermögens führen ebenfalls zu Kommunikationsproblemen, werden aber typischerweise schneller erkannt, weil die Partner der Kommunikation oft bereits bei der Verständigung merken, dass von der Gegenseite nicht die Signale kommen, die zu den Erwartungen des Absenders der Botschaft passen würden. Missverstehen hat andere Gründe, aber nicht diese.

Eine (Meta-)Botschaft wird gedeutet: "100prozentige Solidarität"

Um ein brisantes Beispiel für die Tragweite von Missverständnissen anzuführen: Als die deutsche Bundesregierung der amerikanischen Regierung Ende 2001 — nach den schrecklichen Geschehnissen des 11. Septembers — "hundertprozentige Solidarität" zusagte, herrschte unzweifelhaft Harmonie zwischen Absender und Empfänger der Botschaft. Man glaubte, sich verstanden zu haben. Entsprechend groß war die Enttäuschung auf der amerikanischen Seite, als spätere Entscheidungen desselben Absenders schon Ende 2002 deutlich machten, dass "Solidarität" keinesfalls eine krass abweichende Position zum Irak-Krieg ausschließt. Hier ist eine Täuschung aufgeflogen: Das Missverständnis über einen interpretierbaren Begriff. Man sprach vom Gleichen, meinte aber nicht dasselbe.

Die Eiszeit zwischen den USA und Deutschland ging auf die größte Gefahr des Missverständnisses für die Kommunikation zurück: Missverständnisse werden oft erst spät bemerkt — sie werden mit Verzögerung manifest. Und dann ist der Schaden umso größer. Bis zu seiner Entdeckung ist der Dissens zwischen den beiden Gesprächspartnern unbemerkt — im juristischen Sprachgebrauch des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) ist im Paragraph 155 daher vom versteckten Dissens die Rede.

Im genannten Beispiel liegt dieser versteckte Dissens auf zwei Ebenen:

Missverständnis und Vertrauen

Aus amerikanischer Sicht hat sich die Bundesregierung auf beiden Ebenen anders verhalten, als es der Adressat der Solidaritätsadresse nach eigenem Verständnis erwarten durfte. Das Resultat: Ein grundsätzlich erschüttertes Vertrauen zwischen zwei Nationen. Tiefe wechselseitige Verletzungen und bittere Vorwürfe, die in dem Symbol "altes Europa" gipfelten. Man liegt wohl nicht falsch, wenn man dieses Symbol dahin gehend interpretiert, dass mit "alt" ein Dissens zwischen Worten und Taten angemahnt wird. "Alt" steht für schwach, handlungsunfähig und ängstlich. Das Missverständnis um die Solidarität Deutschlands zeigt, wie gefährlich es ist, wenn man glaubt, sich verstanden zu haben und dabei weder die Fakten noch die benutzten Symbole hinterfragt.

Der Begriff des Missverständnisses

Es ist erstaunlich, dass sich die Forschung dieses brisanten Themas bisher kaum angenommen hat, es sei denn man rechnet das weite Feld der interkulturellen Studien dazu. Wenn wir uns das Thema Missverständnisse einmal näher vergegenwärtigen, dann ist es angebracht, eine begriffliche Abgrenzung vorzunehmen. Diese ist nicht ganz unproblematisch. Denn allein schon zwischen den Begriffen "Missverständnis" und "missverstehen" liegen Welten..

Im allgemeinen wird "missverstehen" als "falsch und nicht ganz richtig verstehen" aufgefasst. Es ist also eigentlich Unverständnis und im einfachsten Fall auf akustisches "missverstehen" zurückzuführen, kann aber genauso gut seine Ursache in einer unkorrekten Ausdrucksweise haben. In der Regel ist "missverstehen" bei weitem nicht so folgenreich wie es ein Missverständnis sein kann. Liegt "missverstehen" vor, so wird es in der Regel durch Rückfragen, wie "Können Sie das bitte noch einmal wiederholen?" "Meinen Sie Juni oder Juli?" oder "Würden Sie bitte etwas lauter sprechen, hier hinten versteht man Sie nicht deutlich?" behoben.

Ein Schmunzelbeispiel aus der "Kulturgeschichte der Mißverständnisse" (Stuttgart 1997, S. 464) eignet sich, um den Unterschied zwischen Prozess und späterer Wirkung zu verdeutlichen. Dort wird berichtet:

"Zu einem weiteren Mißverständnis kam es, als die Fotografin Lynn Goldsmith den Auftrag erhielt, Bob Dylan zu fotografieren. Im Dylan-Fanzine »Series of Dreams« berichtete sie 1996, daß sie damals glücklich aufgewühlt im Taxi gesessen und gerufen habe: »I'm going to shoot Dylan. Bob Dylan!« Woraufhin der Fahrer angehalten, sie zum Aussteigen aufgefordert und hinzugefügt habe, daß er Meuchelmörder nicht befördere."

Das Missverständnis war durch die Aussage des Taxifahrers (hoffentlich) aufgedeckt, und der Prozess damit noch nicht beendet. Hätte der Fahrer geschwiegen und wäre anschließend zur Polizei gefahren, hätte die Manifestation des abgeschlossenen Missverständnisses womöglich andere Dimensionen angenommen.

Abbildung Harmloses Missverständnis

Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Begriffen ist keine Haarspalterei, sondern verdeutlicht einen wichtigen Unterschied zwischen Prozess und Zustand. Der Prozess des "sich missverstehens", so er denn erkannt wird, bietet den Handelnden noch die Chance, korrigierend einzugreifen. Beim Missverständnis dagegen ist der Prozess bereits abgeschlossen und wird im Nachhinein als Fehler enttarnt. Deshalb werden Missverständnisse per definitionem verspätet manifest. Der ursächliche Prozess ist abgekoppelt von dem möglicherweise folgenschweren Ergebnis.

Abgrenzung vom Irrtum

Allzu schnell ist das Etikett "Missverständnis" auch auf Sachverhalte geklebt, die etwas anderes bedeuten. Es hilft bei der Beschäftigung mit dem Thema, sich auf die erprobte Genauigkeit des juristischen Sprachgebrauches zu stützen. Im Paragraph 155 des BGB wird der Sachverhalt des "Missverständnisses" als Widerspruch zwischen dem Inhalt einer Erklärung und der Aufnahme dieser Erklärung durch den Vertragspartner beschrieben. Damit ist das Missverständnis vom Irrtum unterschieden, der dann vorliegt, wenn der Wille eines Sprechers sich von seiner eigenen, gemachten Äußerung unterscheidet. Den eigentlichen Begriff "Missverständnis" benutzt das BGB nicht. Was wir als Missverständnis kennen, wird dort als ein sogenannter Einigungsmangel bezeichnet, der entweder offen oder versteckt sein kann. Wenn überhaupt, dann gilt der versteckte Einigungsmangel — oder Dissens — vor dem Gesetz als das, was wir im Alltag Missverständnis nennen. Liegt ein solcher Dissens vor, dann hat das rechtliche Konsequenzen:

"…, gilt nach § 155 ein Vertrag von vorneherein als nicht geschlossen, wenn sich die Parteien, obwohl sie dies meinten, "in Wirklichkeit" nicht geeinigt haben, sofern nicht anzunehmen ist, dass sie den Vertrag auch im Bewusstsein des Dissenses geschlossen hätten."

Münchener Kommentar zum BGB, Band 1, Allgemeiner Teil (§§ 1–240), 3.. Aufl., München 1993, Seite 1174)

Ob George Bush das wusste?

Fazit:

Das Phänomen Missverständnis ist nicht einfach "nur" ein sprachliches Phänomen, sondern ein ganz wichtiges Element menschlicher Alltagskommunikation. Was sind die Gründe, die Gesetzmäßigkeiten des Missverständnisses? Diese Frage kann für alle am Missverständnis Beteiligten relevant, ja erfolgsentscheidend für die Kommunikation sein. Diesen Fragen widmet sich der vorliegende Beitrag.

Literatur zum Thema — Fehlanzeige

Die erste Nachfrage gilt der fachlichen Bearbeitung dieses Themas in der wissenschaftlichen und populären Literatur. Eigentlich, so stand zu erwarten, müsste sich schon daraus ein schneller und umfassender Erkenntnisgewinn ziehen lassen. Eigentlich. Denn nach intensiven Literaturrecherchen (deutsch- und englischsprachig) in Bibliotheken, an Universitäten, im Buchhandel und weiteren Suchen mit den weitreichenden Möglichkeiten des Internet steht fest: Das Missverständnis ist wissenschaftliches Brachland, auf dem sich höchstens vereinzelt eine einzelne Blüte der Erkenntnis zeigt. Unter den weit über 200 Werken mit dem Wort "Missverständnis" im Titel war kein einziges, welches sich dieses Themas umfassend kommunikationswissenschaftlich annahm.

Dies ist in der Tat um so erstaunlicher, weil in der heutigen Zeit eines für den Einzelnen nicht mehr überschaubaren Informationsangebotes "Das Missverständnis" nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist in unseren alltäglichen Verständigungsprozessen. Die "Räume des Nichtwissens" (Bergler) werden zunehmend größer, mit der Folge, dass allein schon hierdurch die Gefahr des Auftretens von Missverständnissen wächst. Und in der Tat ist es so, dass Nichtwissen eine Falle ist, in die das Missverständnis gerne hineintappt.

Definition: Ein Missverständnis ist der Differenzwert zwischen Gemeinten und dem Verstandenen. Punktum. Wobei insbesonders Hinnekamp (Volker Hinnekamp: Missverständnisse in Gesprächen. Opladen 1998) darauf hinweist, dass ein Missverständnis erst "manifest" werden müsse, um als ein solches erkannt zu werden. Sein Hinweis ist bedeutungsvoll in mehrerlei Hinsicht. Indirekt wird hiermit ja gleichzeitig bestätigt, was wir alle beobachten können, wenn wir unsere Kommunikation analysieren: Es gibt in alltäglichen Gesprächssituationen zuhauf Missverständnisse, die überhaupt nicht be- und gemerkt werden. Gibt es also Missverständnisse, die nicht "manifest" werden und dennoch unter unsere Definition fallen? Ja, es gibt sie.

Definition: "Unbemerkte Missverständnisse" sind kommunikative Katastrophen, die darauf warten zu passieren. Gefährlich an diesen "latenten" Missverständnissen ist, dass sie zu einer Kettenreaktion des "sich missverstehens" führen können. Typisch für diese Art von Kommunikationsstörung — oder Kanaldiskrepanzen in der Wortwahl der Soziologen — sind zum Beispiel die Stille-Post-Spiele, die uns als Kinder alle unendlich viel Spaß gemacht haben.

Im wirklichen Leben können latente Missverständnisse der Nährboden für katastrophale Auswirkungen sein. Dennoch haben wir in der durchgesehenen Literatur keinen einzigen Hinweis gefunden, der sich auf die Bedeutung latenter Missverständnisse bezieht. Die Autoren erwähnen zwar den Fall, behandeln ihn aber nicht näher, so als existiere er nicht.

Nach unserer Auffassung ist ein latentes Missverständnis ebenso bedeutsam wie ein manifestes. Unter Umständen wäre es sogar vordringlicher, sich im wissenschaftlichen Bereich mit Ersteren zu befassen. Man kann einer solchen Auffassung zwar entgegenhalten: Wie kann man sich mit etwas befassen , das mir im Zeitpunkt der Entstehung nicht gewahr ist? Aber wie wäre es denn mit einer Befassung post festum? Es hat einiges für sich anzunehmen, dass die latenten Missverständnisse in ihren Auswirkungen/Folgeträchtigkeit die wichtigeren sind. und – nehmen wir das Beispiel eines Flugzeugabsturzes – zu katastrophalen Folgen führen.

Definition: Mit den Begriffen "latent" und "manifest" verorten wir das kommunikative Geschehen eines Missverständnisses auf einer Zeitachse und trennen die Ursache von ihrer Wirkung. Man greift wohl nicht zu weit, wenn man vermutet, dass ein erheblicher Teil unserer Kommunikation — speziell gilt das für die Medien — aus Ursachenforschung nach dem Eintritt der Wirkung eines Missverständnisses besteht. Unserer Natur nach sind wir Menschen neugierige Analytiker, die vor allem Krisen verstehen wollen. Man wünschte sich wirklich, es gäbe eine Statistik, aus der ersichtlich würde, wie häufig Krisen aus Missverständnissen hervorgehen! Es liegt der Verdacht nahe, dass hier eine erschreckende Dunkelziffer existiert.

"Die Sprache an sich" als Quelle für Missverständnisse

Tatsache ist: Wenn zwei scheinbar vom Gleichen sprechen, meinen sie nicht unbedingt Dasselbe. Fragen Sie einfach mal zwei Menschen, was sie unter dem Adjektiv "konservativ" verstehen, und Sie werden den Begriff in Zukunft meiden wie der Teufel das Weihwasser, um keine Missverständnisse mehr zu verursachen. Aber ganz im Ernst. Natürliche Sprache und Missverständnis gehören grundsätzlich zusammen. Unsere sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten sind so enorm groß, dass es für die inhaltliche Bedeutung einer Aussage keine feste Regel oder Richtschnur geben kann. Es gibt viel zu viele Einflüsse aus der direkten Umgebung einer Sprechsituation, die dazu führen können, dass ein und dieselbe Äußerung — je nach Kontext — verschiedene Bedeutungen annehmen kann. Die Sozialpsychologie spricht von intervenierenden Drittvariablen, die unsere Äußerungen beeinflussen und sogar dazu führen können, dass wir das Gegenteil von dem sagen, was wir denken — zum Beispiel, wenn unser Chef danebensteht und aufmerksam zuhört …

Abbildung Intendieren Meinen Äußern

So phantastisch die menschliche Sprache als Verständigungsmöglichkeit ist und so faszinierend es ist, dass wir uns sprachlich über hochkomplexe Themen und Zusammenhänge verständigen können, so sicher ist:

In dem Moment, wo sie ihre Wirkung entfalten und entdeckt werden, schließen sie eine Wissenslücke. Gelegentlich allerdings um einen hohen Preis.

Ein Recht auf Missverständnis

Missverständnisse helfen, besser zu verstehen — so paradox das klingen mag. Denn in der Praxis des Gesprächs wird Verständigung laufend ausgehandelt. Besonders in Situationen, bei denen es darauf ankommt (Verabredungen, Auskunftserteilungen, Befehle etc.), dass man sich unmissverständlich ausdrückt, lässt sich dies gut veranschaulichen: "Haben wir uns verstanden?", "Soll ich vielleicht etwas lauter sprechen?", "War das klar?", "Soll ich das vorsichtshalber noch einmal wiederholen?" und auf der Gegenseite: "Ja, ich habe Sie verstanden", "Ich wiederhole es noch einmal vorsichtshalber, damit kein Missverständnis aufkommt" etc. Es ist je nach Situation ein Frage der Definition, ob in einer Sprechsituation versucht wird, mögliches Unverständnis zu verhindern oder einen Akt des Missverstehens auszuschließen.

Spezielle Fälle der Vermeidung von Missverständnissen

Es gibt eine bestimmte Gruppe von Fällen, in denen Missverständnisse aus Gründen der Sicherheit, Fürsorge, Schnelligkeit sowie möglicher Haftung ausgeschlossen werden müssen. Dazu zählen einerseits mündliche Sprachformen wie der Befehl, die Auskunft und die Wegbeschreibung, andererseits gehören hierher spezielle Schriftformen, wie Gebrauchsanweisungen (für Verbraucher), Bedienungsanleitungen (im beruflichen Kontext, z.B. für Maschinen und Anlagen), Arbeitsanweisungen, Rezepte u.a.m.

Schon der Umfang von Gebrauchsanweisungen macht deutlich, welchen Aufwand man betreiben muss, um Haftungsrisiken auszuschalten und komplexe Sachverhalte unmissverständlich zu beschreiben. Gleichzeitig liefern Gebrauchsanweisungen ein Paradebeispiel für eine entweder erfolgreiche oder bis zur Lächerlichkeit fehlschlagende Kommunikationsform, die einem Verbraucher viel Ärger bescheren kann. Solche speziellen, schriftlichen Sprachformen, bei denen Missverständnisse ausgeschlossen werden müssen, sollen hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Die schriftliche Formulierung gibt dem Verfasser Zeit und Gelegenheit, Formulierungen zu entwickeln und durch Versuch und Irrtum zu optimieren. Das ist im mündlichen Austausch typischerweise anders, obwohl es auch hier eine individuelle "Lernkurve" gibt, welche Formulierungen missverständlicher sind als andere. Es wäre beispielsweise nicht überraschend, wenn die deutsche Politik das Signalwort Solidarität in Zukunft vorsichtiger verwendete oder ein Zeitlang ganz vermiede.

Im vorliegenden Beitrag interessiert primär, durch welche Mechanismen es bei spontaner, mündlicher Kommunikation in natürlicher Sprache zu Missverständnissen kommen kann. Innerhalb der mündlichen Sprachformen soll der Spezialfall der Befehls ebenfalls nicht im Vordergrund stehen, weil bei dieser Form per definitionem ein wichtiges Mittel zur Vermeidung von Missverständnissen ausgeschlossen ist: die Rückfrage. Wer militärische Befehle in Frage stellt, dem drohen ganz andere Probleme als sie durch ein Missverständnis verursacht werden könnten …

Noch ein Sonderfall: Missverständnisse und Humor

Es ist ein bewährtes Mittel, um Komik zu erzeugen, wenn man seinen Zuhörern eine Situation schildert, in der ein Missverständnis sozusagen vor Publikum passiert. Hinnekamp (S. 83) gibt für diesen Witztyp ein — wenn auch nicht allgefälliges — Beispiel:

"Lehrer: Die Polizei sucht einen Schüler, der im Umkreis der Schule Mädchen belästigt.

Schüler: Wo kann ich mich melden?"

Harmloser ist ein uralter Witz, den vermutlich jeder kennt:

Ober: Wie fanden Sie das Schnitzel?

Gast: Rein zufällig, als ich die Kartoffel aufhob.

Auch der Sonderfall des Missverständnisses im Witz soll hier nicht im Vordergrund stehen. Was man allerdings aus dem Witz lernen kann: Missverständnisse können für den, dem sie unterlaufen außerordentlich peinlich sein. Das Lachen haben die Zuhörer, falls es ihnen nicht im Halse stecken bleibt.

Wenn es doch passiert

Wenn zwei sich missverstehen und das Missverständnis manifest wird, kann zweierlei passieren: Man rauft sich zusammen und räumt das Missverständnis aus, oder man zementiert die eigene Position und erlebt, wie das Missverständnis unüberbrückbare Differenzen sichtbar macht — die Politik lässt grüßen. In beiden Fällen ist die Wirkung letztlich dieselbe, das Missverständnis trägt zur Klärung bei. Allerdings setzt das einen Prozess der Verständigung voraus, in dessen Verlauf die Teilnehmer gezwungen sind "Farbe zu bekennen" — zum Beispiel, indem sie bisher nicht ausgesprochene Motive, Erwartungen und Absichten formulieren. Sie holen also nach, was vorher schon hätte passieren müssen, um das Missverständnis zu verhindern.

Fazit: Das Missverständnis kann dafür sorgen, dass eine fehlende oder verloren gegangene Grundlage hergestellt wird.

Missverständnisse und Macht

Das Ganze hat allerdings auch etwas mit Macht zu tun: Es ist ein Zeichen für Überlegenheit (und/oder Arroganz), wenn ein Gesprächspartner seinem Gegenüber pointiert die Frage stellt: "Habe ich mich da unmissverständlich ausgedrückt?" Das Recht, dem Gegenüber eine uneingeschränkte Zustimmung abzuringen, ist Merkmal einer Machtposition. Frei nach dem Motto, ein Schwächerer darf sich keine Missverständnisse leisten. Er muss richtig verstehen, und "richtig" heißt in diesem Fall: So wie der Stärkere es verstanden wissen will.

Diese Spielregel ist ein Punkt, der beispielsweise in der Kommunikation zwischen Führungskräften der Industrie und Journalisten für Konflikte sorgen kann. Machtgewohnte Manager haben gelegentlich durchaus Schwierigkeiten damit, wenn Journalisten sie "missverstehen", indem sie sich ihren eigenen Reim auf etwas machen. Es wäre mancher Führungskraft durchaus recht, sie oder er könnte Journalisten dieses Recht zur Deutung einer Aussage — und damit zu einem "Missverständnis" — absprechen. Wenn ein Manager im Interview sein Statement mit der Phrase "Lassen sie mich an diesem Punkt ganz klarstellen …" beginnt, weiß ein kommunikationserprobter Beobachter, dass hier etwas beginnt zu entgleisen.

Fazit: Das Recht auf missverstehen und Missverständnis ist ein Merkmal für eine gleichberechtigte Kommunikation, bei der beide Parteien sich insofern auf der selben Ebene befinden, das sie gleichermaßen das Recht haben, die Äußerungen der Gegenseite zu verstehen — und das heißt zu deuten! Das Missverständnis ist also im Kern eine demokratische Tugend.

Harmlos oder nicht?

Wir meinen, anders als in der Forschungsliteratur bisher gesehen, dass harmlose Missverständnisse keinen "kommunikativen Unfall" darstellen. Vielmehr handelt es sich um kleine Missverständlichkeiten ohne weitreichende Folgen. Sie auszuräumen, liegt im beiderseitigen Interesse der Gesprächspartner. Jedenfalls, soweit deren Intention auf Verständigung gerichtet ist, was im Alltagsleben wohl der Regelfall ist. Ein weiteres Kennzeichen für harmlose Missverständnisse ist, dass sie schnell manifest werden und in einer Art Korrekturverfahren, gekennzeichnet durch Frage und Gegenfrage, schnell behoben werden. Mögliche negative Folgen entstehen gar nicht erst.

Aber natürlich ist nicht auszuschließen, dass auch solche harmlos erscheinenden Missverständnisse folgenreich sein können. Dies ist immer dann der Fall, wenn sie nicht erkannt werden bzw. kein wirkliches Interesse der einen oder anderen Seite an einer Klärung der dem Gespräch zugrunde liegenden Sachverhaltes besteht. Typischerweise treten derartige Situationen auf in einer angespannten Atmosphäre, wenn gereizte Stimmung herrscht, Zeitdruck zur Kürze zwingt oder einfach Desinteresse nach dem Motto "Was geht mich das Ganze an?" das Gespräch bestimmt.

Auch an solchen kleinen und harmlosen Missverständnissen können Freundschaften zerbrechen, die Zusammenarbeit im Betrieb leiden, Ehen auseinandergehen und Stimmungen ins Negative umschlagen. Insoweit müssen wir also zwischen harmlosen Missverständnissen, die ohne Folge bleiben und solchen unterscheiden, die — und das ist wichtig für die Unterscheidung — unbeabsichtigt Folgen verursachen.

Fazit: Ob ein Missverständnis harmlos ist oder nicht, hängt davon ab, wie schnell es aufgedeckt wird und, ob sich weitere Missverständnisse in einer Kettenreaktion anschließen.

Missverständnis nein danke?

Es gibt aktuell einen ganzen Berufsstand, der vor den möglichen Auswirkungen des Problems "kapituliert" und dabei ist, sich von der natürlichen, menschlichen Sprache als unserem in Jahrzehntausenden gewachsenen Verständigungsinstrument zu verabschieden: Projektmanager und Programmierer im Bereich der Software-Systementwicklung gehen mittlerweile dazu über, die Beschreibung dessen, was ein System/Programm können muss (das "Pflichtenheft") nicht mehr in menschlicher Sprache zu beschreiben, sondern in einer künstlichen Sprache (etwa: Matlab-Simulink). Statt mehrdeutiger Formulierungen, wie sie für die menschliche Sprache nun mal typisch sind, ist die objektive Beschreibung gesucht, bei der es keine Deutungsfehler mehr geben kann. Man darf gespannt sein, ob der Mensch, der seine Sprache selbst hervorgebracht hat, in der Lage ist, derart von sich und seiner eigenen "Fehlerhaftigkeit" zu abstrahieren.

Das Problem ist natürlich viel älter als die schnelllebige Informationstechnologie. Wie ungeheuer schwierig es ist, Missverständnisse auszuschließen, kann man wunderbar an der Seitenzahl von Geschäftsverträgen ablesen: Wer einmal ein solches Dokument eines amerikanischen Großunternehmens und seinem Geschäftspartner gesehen und angelesen hat, weiß, wie viel geduldiges Papier es erfordert, wenn eine Firma sicher gehen möchte, dass ihrem Geschäftspartner jedwedes (auch absichtliches) Missverständnis geschäftlicher Vereinbarungen schriftlich verwehrt wird.

Fazit: Für den kommunikativen Alltag und für die informelle Kommunikation ist der Abschied von der natürlichen Sprache und die näherungsweise Genauigkeit von Verträgen keine Alternative. Das Missverständnis ist ein Preis, den wir dafür bezahlen, flexibel und schnell zu kommunizieren

Exkurs 1: Aussage und Interpretation

Trotz des dauernd drohenden Missverständnisses gilt: Sprache ist ein Instrument der Verständigung, zumindest in neun von zehn Fällen, denn meistens funktioniert das Ganze ja: Man bedient sich der Sprache, um Alltagssituationen zu regeln. Man bedient sich der Worte gleichfalls, um komplizierte Sachverhalte zu beschreiben, und man verwendet genau abgewogene, fest definierte und sorgsam bedachte Worte, um Verträge zu formulieren.

Je sicherer man gehen will, dass die Verständigung klappt — und das richtige Verständnis notfalls sogar einklagbar ist — desto mehr Aufwand betreiben wir, um Missverständnisse auszuschließen. Auf der Alltagsebene ist dieser Aufwand relativ gering, denn, wenn hier etwas schief geht, falls ein Missverständnis passiert, schätzen wir die Folgen oft nicht als derart dramatisch ein, dass wir alle Aussagen und Absprachen nochmals hinterfragen. Man vertraut darauf, dass der Andere wirklich versteht, wenn er nickt oder Ja sagt. Nur bei wichtigeren Dingen gehen wir so vor, dass wir den Kern der Absprache wiederholen. Einfaches Beispiel: eine Terminvereinbarung. Gesagtes und Gemeintes lesen sich dann so:

"Okay, wir sehen uns dann am Dienstag um Acht."

(Botschaft: Wir haben gerade einen Termin ausgemacht. Zu diesem Termin kommen du und ich, weil wir beide daran ein Interesse haben. Wir treffen uns um acht Uhr.)

(Meta-Botschaft: Du hast jetzt die letzte Gelegenheit, diese Absprache zu korrigieren. Tust du das nicht, komme ich und erwarte, dass du auch da bist.)

"Alles klar. Bis dann."

(Botschaft: Ich stimme der Vereinbarung zu, dass wir uns zu dem von dir gerade erwähnten Termin treffen und werde da sein.)

(Meta-Botschaft: Ich habe deine Frage verstanden, obwohl sie als Feststellung formuliert war. Ich beantworte deine Frage, indem ich weder widerspreche noch meine Zustimmung einschränke.)

Eine ganz ähnliche Kommunikation kann aber auch eine ganz andere Bedeutung haben, wenn beide Sprecher aus unterschiedlichen Kulturen kommen:

"Lass uns heute Abend darüber reden."

(Botschaft: Ich möchte ein Thema klären, aber nicht jetzt.)

(Meta-Botschaft: Wir haben ein Problem. Wir müssen direkt darüber sprechen.)

"Okay. Wir sehen uns."

(Botschaft: Ich reagiere höflich und respektvoll auf dich.)

(Meta-Botschaft: Harmonie ist wichtiger als Direktheit. Ich werde heute Abend nicht mehr am Arbeitsplatz sein, wenn du kommst, vermeide aber einen Konflikt, den ich als peinlich empfinde.)

Bei förmlichen Sachverhalten sucht man, solche und andere Fehlerquellen auszuschließen. So muss ein geschäftlicher Termin je nach Firmenkultur unter Umständen erst von beiden Seiten schriftlich bestätigt und gegenbestätigt werden. Das Alles dient letztlich nur einem Zweck: Wir wollen sicher gehen, dass wir die Absicht und Ernsthaftigkeit hinter einer Absprache richtig erkannt haben und uns darauf verlassen können.

Die Hauptursache für Missverständnisse: Jede Äußerung, die wir tun, wird von unseren Zuhören und Gesprächspartnern gedeutet. Jeder geht davon aus, dass wir mit dem, was wir sagen, eine Absicht verfolgen, denn das ist eine menschliche Grundkonstante der Kommunikation. Wir wollen immer etwas, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Absichtsfreie Kommunikation gehört ins Reich der Theorie. Wir Menschen haben stets ein Ziel, ein Bedürfnis, eine Angst oder eine Hoffnung. Unser Verstand ist geradezu darauf programmiert, die Bedeutung einer sprachlichen Aussage zu erkennen. Der bei Linguisten wegen seiner Einfachheit beliebte Klassiker lautet:

"Das Fenster ist offen."

(Botschaft: Es zieht. Mir ist kalt.)

(Meta-Botschaft: Schließe bitte einer, der dichter dran sitzt, dieses Fenster.)

"Ja die frische Luft tut gut."

(Botschaft: Jetzt weißt du, dass ich Wert auf das offene Fenster lege.)

(Meta-Botschaft: Sag direkt, was du willst, aber sei dir bewusst, dass ich nicht deiner Meinung bin!)

Folgenträchtige Missverständnisse

Eines der ganz großen Handicaps der von uns durchgesehenen einschlägigen Forschungsliteratur, die wie schon erwähnt hauptsächlich aus der linguistischen Germanistik stammt, ist, dass sie die Folgenschwere von Missverständnissen beiseite lässt. Selbst tragische Ereignisse, wie ein Flugzeugabsturz, werden mehr oder weniger kasuistisch abgehandelt. Dabei ist die Folgeträchtigkeit von Missverständnissen für den Praktiker die einzig gewichtige Fragestellung, die es zu untersuchen gilt. Bleiben Missverständnisse ohne Folgen positiver oder negativer Art, wo soll dann der Sinn liegen, sich mit ihnen auseinander zu setzen? Das wäre doch l àrt pour l àrt.

Damit aber sind wir bei der zweiten Kategorie von Missverständnissen angelangt, die wir in Abgrenzung zu harmlosen Missverständnissen als folgenträchtige Missverständnisse bezeichnen wollen.. Was "folgenträchtig" ist, braucht im einzelnen nicht näher erläutert zu werden. Wir fassen darunter alle Missverständnisse zusammen, die gravierende Konsequenzen haben. Wenn ein solches Missverständnis eine Krise auslöst, zu einem Flugzeugabsturz führt, diplomatische Verwicklungen auslöst bis in die Nähe einer Kriegsgefahr oder im persönlichen Bereich Zerwürfnisse schwerwiegender Art hat, ist es folgenträchtig in vielerlei Hinsicht. Die Folgen können entweder politisch, wirtschaftlich sein oder Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben haben. Hier ist noch viel Raum für eine offene Forschung, die sich nicht allein an sprachlichen Aspekten orientiert.

In den genannten Fällen kann man mit Hinnekamp tatsächlich von "kommunikativen Unfällen" sprechen. Aber ein neuer Forschungsansatz muss weiter reichen und z.B. das "Management von Missverständnisfolgen", Strategie der Vermeidung sowie Möglichkeiten einer glaubwürdigen, das Missverständnis ausräumenden Technik sowie dazu gehörige Instrumentarien aufzeigen.

Zwischenbilanz

Diente der erste Versuch einer Strukturierung von Missverständnissen dazu, sie nach ihren Folgen einzuteilen, soll nun im nächsten Schritt eine weitere Klassifizierung versucht werden. Statt um die Folgen, geht es hierbei um die Absicht., die dem jeweiligen Missverständnis zugrunde liegt. Entsprechend dieser Überlegung gibt es:

Weitaus am interessantesten ist die Beschäftigung mit den unbeabsichtigten und den beabsichtigten Missverständnissen, weil sie entweder schwierig zu verhindern sind oder eine Instrumentalisierung zu einem eigennützigen Zwecke darstellen.

Das Missverständnis zwischen "Unschuldsvermutung" und Strategie

Wenn Missverständnisse auftreten, dann ist das ein Beispiel für eine fehlgeschlagene Kommunikation. Zunächst neigen wir hoffentlich dazu, wohlwollend zu reagieren und dem Anderen zu unterstellen, dass er uns nicht besser verstehen konnte. Dabei sind wir uns, je nach Lebenserfahrung, durchaus bewusst, dass der Andere uns auch absichtlich "missverstehen" kann. In diesem Fall stimmt unser Gegenüber einer Absprache zu, so wie er sie verstehen will. Eine solche Absicht nehmen wir anderen sehr übel, weil wir darin Gegnerschaft erkennen. Man kann ein Missverständnis provozieren, ohne zu lügen. Das macht es zu einem gefährlichen Werkzeug in den Händen von "Kennern".

Aufmerksamkeit als ein Schlüssel

Auch vom Funkverkehr kann man lernen: In der Kommunikation zwischen Fluglotsen und Piloten beispielsweise spielt die Wiederholung des Gehörten eine wichtige Rolle. Steven Cushing betont in seinem Buch Fatal Words (Chicago/London 1994) einerseits die Notwendigkeit, eindeutige Begrifflichkeiten zu verwenden, andererseits den Stellenwert der korrekten Wiederholung des Gesagten:

"A correct repetition substantially replicates an earlier utterance in all relevant features; an incorrect repetition fails to replicate some key feature of an earlier utterance that it otherwise matches." (S. 38)

Cushing beschreibt, dass es zum Training von Fluglotsen gehört, die Aufmerksamkeit des Lotsen zu steigern:

"As with any problem, awareness is the first key." (S. 90)

Ein aufmerksamer Zuhörer hat also die Chance, Fehler und Missverständnisse in der Wiederholung durch sein Gegenüber zu bemerken. Im Sinne der Definition vom Anfang dieses Beitrags wird damit eine Kontrollschleife eingezogen, die den Prozess des Missverstehens aufdeckt, solange noch unmittelbar die Chance einer Korrektur besteht und der Prozess des Missverständnisses noch nicht abgeschlossen ist.

Was Cushing auf der sprachlich, funktechnischen Ebene als Aufmerksamkeit einfordert, ist für Reinhard Fiehler die Beobachterperspektive als ein wichtiger Teil erfolgreicher Verständigung:

"Der relevante Fall ist, dass die Beteiligten selbst bemerken, dass ein solches Problem (sc. ein Verständigungsproblem; Anm. der Verfasser) … aufgetreten ist und dass sie dies thematisieren und ggf. bearbeiten. … Voraussetzung für das Bemerken ist, dass die Beteiligten nicht nur kommunizieren, sondern dass sie den Kommunikationsprozess in Form eines Monitoring beobachtend verfolgen."

(Reinhard Fiehler (Hg.): Verständigungsprobleme und gestörte Kommunikation. Opladen, 1998, S. 7)

Für Pessimisten: Du hast keine Chance, also nutze sie

Missverständnisse gehören zur Kommunikation. Auch mit der klügsten Kommunikationsstrategie wird es nicht immer gelingen, sie zu verhindern. Also muss man Missverständnisse aushalten. Ärgerlicherweise gehören sie zur Freiheit des Individuums — zu seiner Freiheit, die Welt mit eigenen Augen zu sehen und zu interpretieren. Nach eigenen Regeln und eigenen Kriterien. Im besten Fall kann man Missverständnisse reduzieren, indem man sich soweit wie möglich in sein Gegenüber hinein versetzt und die Motivationslage des Anderen zu verstehen sucht. Vor zufälligen Missverständnissen und beabsichtigten "Missverständnissen" bewahrt das freilich nicht.

Missverständnisse können durch "versteckte Einigungsmängel" auf jeder einzelnen dieser Ebenen passieren — etwa durch Mehrdeutigkeit auf der lexikalischen Ebene. Am ehesten wird in der Kommunikationspraxis noch auf den letzten Punkt geachtet: Eine nach Zielgruppen differenzierte Kommunikation erklärt sich wesentlich aus der Frage danach, ob man sein Gegenüber als Fachmann einschätzt oder als Laien. Daraus folgt, welches Wissen und welchen Hintergrund man bei ihm voraussetzen kann. Ein Prinzipbeispiel: Wo ein Schiffsbauingenieur bei "Verdrängungsleistung" automatisch zuerst an Bruttoregistertonnen denken wird, aktualisiert ein Psychoanalytiker sofort einen ganz anderen Kontext.

Tannen entwirft in seinem Buch "Das hab ich nicht gesagt." (Hamburg 1992) auf Seite 146 ein düsteres Bild, das man nicht unbedingt teilen muss:

"Die Überzeugung, dass man sich nur zusammensetzen und miteinander reden muss, um das gegenseitige Verständnis zu fördern und Probleme zu lösen, geht von der Voraussetzung aus, dass wir sagen können, was wir meinen und dass unsere Worte auch so verstanden werden, wie wir sie meinen. Dieser Geschehensablauf ist jedoch äußerst unwahrscheinlich, …"

Für Optimisten: Mut zur Lücke

Missverständnisse gehören zur Kommunikation. Ohne die Bereitschaft, Missverständnisse und Wissenslücken zu akzeptieren, wäre unsere Kommunikation oft viel zu umständlich und würde zu lange dauern. Das Paradebeispiel in dieser Hinsicht sind Journalisten. Deren Handwerk besteht zu einem wesentlichen Teil darauf, möglichst viel aktuelle Information in möglichst kurzer Zeit zu vermitteln und dabei dennoch möglichst wenige Missverständnisse und Verständnisfehler beim Zuhörer oder Leser zu produzieren. Eine schwierige Kunst, die allein schon die Existenz eines eigenen Berufsstandes rechtfertigt. Übrigens soll das nicht heißen, Journalisten seien ein Vorbild für interessenfreie, neutrale Kommunikation. Keineswegs. Aber man erwartet von ihnen Eindeutigkeit, Prägnanz, Kürze und Klarheit — ob nun ideologisch im Sinne des Lesers oder nicht.

Missverständnisse gehören auch deshalb zur Kommunikation, weil für klärende Rückfragen oft keine Zeit bleibt. Solange wir eine Aussage akustisch klar hören bzw. optisch klar erkennen, die einzelnen Begriffe wiedererkennen, eine Relevanz für uns darin sehen und sich ein "logischer" Zusammenhang anbietet, sparen wir uns Grundsatzdiskussionen. Wir glauben verstanden zu haben, was gemeint war. Alles weitere heben wir uns auf für den Fall, dass etwas schief geht … Oder, wie Fiehler es auf den Punkt bringt:

"Kommunikation hat Versuchscharakter."

(Reinhard Fiehler (Hg.): Verständigungsprobleme und gestörte Kommunikation. Opladen, 1998, S. 7)

Das Wissen um die Allgegenwärtigkeit drohender Missverständnisse sollte freilich nicht zur Gleichgültigkeit führen. Statt dem Motto "Augen zu und durch" sollte hier eher der sportliche Ehrgeiz gelten, Missverständnisse ebenso zu vermeiden wie unnötige Abschläge beim Golf. Missverständnisse sind ein Handicap, an dem man sehr gut und erfolgreich arbeiten kann. Ein "Hole in One" zu spielen, ist machbar — auch in der Kommunikation. Wichtig ist, dass man die Spielregeln des Missverständnisses kennt und sich danach verhält.

Der vollständige Beitrag ist erschienen in: Bentele, Günter/ Piwinger, Manfred/ Schönborn, Gregor (Hrsg.). Kommunikationsmanagement. Strategien. Wissen. Lösungen. 2001 ff. (Losebl.) , Art. Nr. 8.04, Kriftel/ Neuwied